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Et alta profunditas, quis
inveniet eam?
An Irina
Irina, im Voraus bitte ich dich um Verzeihung für den Verdruß,
den Dir diese Seiten sicherlich verursachen werden.
Ich hoffte, mich von der Welt verabschieden zu können, ohne Spuren
zu hinterlassen. Ich wollte mit dem wenigsten Lärme weggehen. Wie
ein Schmetterling, der sich am Ende seiner vierundzwanzig Lebensstunden
langsam auf den Weg ins Verschwinden macht. In der allertiefsten Schweigsamkeit.
Jener Schweigsamkeit, die immer die unwichtigen Sachen mit sich hinwegschleppt.
Unvorhersehbare Umstände zwingen mich dazu, meine Absichten zu ändern.
Ich muß etwas Schriftliches hinterlassen. Ein Zeugnis. Memoiren.
Einen langen Brief, der für meinen echten Wunsch bürgen kann,
von dieser Erde zu verschwinden. Einen ehrlichen Rechenschaftsbericht
meiner Reise in die freiwillige Vernichtung.
Nein, was Du lesen wirst, ist kein Tagebuch. Ich habe mir nie Mühe
gegeben, alle Ereignisse aufzuschreiben, die mein unbedeutendes Leben
konstelliert haben: ein Tag gleicht dem anderen und all unsere Handlungen
sind nichts als die obsessive Wiederholung einer einzigen Geste: Leben
Liebe Irina, ich weiß auch nicht, ob ich mir die Freiheit herausnehmen
kann, Dich mit Vertrautheit anzusprechen. Es ist nicht unwahrscheinlich,
daß meine Aufrichtigkeit Dich irritiert. Ich weiß, daß
Du den zu ehrlichen Worten gegenüber Reden bevorzugst, die von irgendeiner
harmlosen Lüge versüßt sind, jener Lüge, die uns
der gute Menschenverstand ins Ohr flüstert. Nie habe ich diese Sitte
des menschlichen Geschlechts geteilt: Jene begrenzte und sorgfältige
Heuchelei, die die menschlichen Beziehungen erträglich macht und
die sogar die unnachgiebigsten Moralisten gern übergehen, die habe
ich nie gekannt.
Hier werde ich rauh sein. Ich will es sein. Selbst wenn das mich wahrscheinlich
den kleinen Rest an Rücksicht kosten wird, die Du mir immer noch
gönnst und den ich vielleicht nur unserer Verwandtschaft zu verdanken
habe. Schon glaube ich, Deine vom Zorn entflammten Wangen zu sehen und
Deine Lippen, zusammengepreßt, damit auch nicht die geringste Gefühlsregung
durchsickern kann. Ich bezweifle auch nicht, daß Du dem Toten jene
Verzeihung gönnen wirst, die Du dem Lebendigen verweigern würdest.
Ja, weil das hier die Erinnerung eines Verstorbenen sein wird. Wenn Deine
Hände meine Blätter halten werden, werde ich lange nicht mehr
unter den Lebendigen sein.
Findest Du meine Kälte etwa abstoßend? Hältst Du mich
für zynisch? Ich bitte Dich um Verzeihung: ich weiß ganz genau,
daß ich Dich zu etwas zwinge, wofür Du nicht das geringste
Interesse hegst und das wahrscheinlich sogar Deinen Anstoß erregt.
Aber Du mußt mir zuhören. Ich wende mich an Dich, weil Du mich
nie geliebt hast. Du hattest mich nicht lieb. Auch empfandest Du nicht
jene laue und kaum verpflichtende Zuneigung der Schwester. Du hast mir
gegenüber nie das geringste Gefühl gezeigt. Oft hast Du Dich
wie eine Feindin benommen. Ich will Dich deswegen nicht tadeln, im Gegenteil:
Die Tatsache, daß Du Dich von den erzwungenen Gefühlen der
Verwandtschaft nicht beeinflussen ließest, kann mich nur erfreuen.
Ich bin mir vollkommen dessen bewußt, daß ich keine der Liebe
würdige Person bin. Was mich betrifft, ist es mir sowieso immer lieber
gewesen, mich von der Sturzwelle der Gefühle nicht mitreißen
zu lassen.
Das hier wird ein sehr langer Brief sein.
Kaum kennst Du mich, aber doch gut genug, um zu wissen, daß ich
am Schreiben gar keine Gefälligkeit finde. Ich hasse es, meine Gedanken
aufschreiben zu müssen. Man schreibt der Liebe und der Täuschung.
Man erzählt seine Gefühle. Man reagiert sie auf dem Papier ab.
Man weint über seine eigenen Worte und tröstet sich zwischen
den Zeilen. Mein Geist ist wie ausgetrocknet. Es gibt in mir nichts, was
des Schreibens würdig wäre. Vielleicht habe ich nicht einmal
verdient, in der Erinnerung zu überleben.
Trotzdem, aus Stolz, um nicht mißverstanden zu werden, oder vielleicht
einfach, um mich wenigstens teilweise jenem Ende zu entziehen, welches
ich immer mit all meinen Kräften verfolgt habe, habe ich beschlossen,
mir dieses Wortdenkmal aufzubauen, auf dem Papier wegzugehen, unter Tintentropfen
und Federzeichen. Ohne Lärm. Ich werde mich nur Dir enthüllen,
die Du für mein sterbliches Los nie das geringste Interesse hegtest
und Dich sicherlich von jenem Gefühl - wenn man das Mitleid so nennen
darf - welches mir so verhaßt ist, nicht berühren läßt.
Was ich Dir jetzt sagen werde, ist so intim, daß ich umso mehr die
möglichen Verzerrungen durch die Gefühle befürchten muß.
Das letzte, was ich mir wünsche, ist, mich Dir durch eine Glaslinse
zu zeigen. So schwer fällt es mir, mich zu entblößen,
ich will nicht, daß meine Anstrengung von der Luftspiegelung der
Illusion vereitelt wird.
Als ich Salzburg verließ Du hattest kurz zuvor Andrea kennengelernt
war ich kaum über zwanzig. Ich kann mich nicht mehr genau
daran erinnern, was mich zu diesem Entschluß veranlaßte, ich
glaube nicht, daß es dafür einen genauen Grund gab. Eines weiß
ich: Plötzlich wurde das Verlangen, wegzugehen so intensiv und zwingend,
daß ich mich für die Abreise entscheiden mußte. Aber
es war keine von den zahmen Abreisen, die uns dem Anschein zum Trotz wie
nie zuvor unseren Wurzeln verbunden halten. Nein Irina, ich wollte alle
Bindungen hinter mir abschneiden, ich wollte ohne Garantie abreisen, ohne
die geringste Erwartung, wie ein junger Vogel, der, ohne zu wissen, ob
er schon kräftige Flügel besitzt, nicht zögert, sich vom
Nest hinunter zu stürzen.
Es ist, daß mir damals die Abreise als die einzig mögliche
Lösung erschien.
Aber glaube nicht, daß sich hinter meiner plötzlichen Reiselust
eine geistige Öffnung oder ein unwiderstehliches Verlangen nach Größe,
Vermehrung oder Zuwachs verbarg. Es ist wahr: Reisen ist wie die Arme
auszustrecken, um unermeßliche Räume umfassen zu können,
in einer Art großzügiger Besitznahme jener Güter, die
die Natur unseren begrenzten Existenzen nicht freiwillig gönnt.
In meinem Fall, Irina, handelte es sich nicht um ein Streben nach Wissen,
nicht um ein Sehnen nach Freiheit. Meine Abreise glich eher einer elenden
Ausflucht, einem Vorwand.
Es ist, daß ich keine andere Wahl hatte: Wie bei einem Gläubiger,
mit dem man es in die Länge zieht, der Tod drängte mich, indem
er mich an jeder Ecke überraschte, mit seinen verdeckten Angriffen
und seinen verzaubernden Verlockungen.
Um zu überleben, mußte ich fliehen, von allen und allem Abstand
nehmen, eine zu lange Vergangenheit ausradieren, so tun, als ob ich nie
etwas gesehen oder gekannt hätte, mit einem Bocksprung das unerträgliche
Gewicht abschütteln, das sich auf meinen Schultern in zwanzig Jahren
ununterbrochener Auslieferung an das Leid angehäuft hatte. Um mich
endlich in den Strom hineinzuwerfen
Wahrscheinlich fragst Du Dich jetzt, wie ich zu diesem Saturationsniveau
gekommen war. Nun, ich selber kann darauf keine genaue Antwort geben.
Eine angeborene Neigung des Geistes? Traurige Umstände? Die übertriebene
Strenge unserer österreichischen Erziehung? Ich weiß nur, daß,
immer schon, am Abend, wenn ich über meine Augen die eiskalte Decke
des Blickes ziehe und der Finsternis erlaube, meiner Herr zu werden, etwas
in den tiefsten Tiefen meiner Seele sich schmerzlich windet. Eine innere
Stimme. Der stumme Schmerz spricht mich an: Du bist nicht, du lebst
nicht, du bist schon tot. Ein unerklärliches Unwohlsein, das
mich schon seit den ersten Lebensjahren begleitet. Eine Art Langeweile,
ein absoluter Mangel an Antrieb, eine Gleichgültigkeit dem Leben
gegenüber, die mit der Zeit sich verschlimmert hat.
Meine Kindheit war wohl weit entfernt von der unbekümmerten Sorglosigkeit,
die die dummen Erwachsenen glauben, dem jungen Leben zuschreiben zu können:
iam enim securis ad radicem arborum posita est!
Die Ironie und die Brillanz der Konversation, die ich wie Du unserem Vater
verdanke, konnten meine traurige Resignation leicht als Befriedigung erscheinen
lassen.
Viele ließen sich dermaßen von meiner äußerlichen
Haltung täuschen, daß sie mir sogar jene Mischung aus Naivität
und positiver Energie, die gewöhnlich als Lebenslust
bezeichnet wird, zuschrieben. Nichts konnte mir damals ferner sein.
Als Kind war ich so gut in meinen Darstellungen, daß ich sogar den
vortrefflichen Schularzt täuschen konnte. Vielleicht erinnerst Du
Dich immer noch an jenen Riesenmann mit dem ausgefransten Bart, der uns
kalte Duschen anstelle von Medikamenten verschrieb
Jedoch, je mehr mich dies Unwohlsein von innen her fraß, desto mehr
erschien ich äußerlich als sorgenfrei und leichtgesonnen.
Mein hysterisches Lachen wurde mit einem Ausbruch von Glücksgefühlen
verwechselt. Ebenso das plötzliche Weinen. Emotional, sie beschrieben
mich als emotionales Kind. Sie benutzten dieses sinnlose Wort als eine
verschleierte Beleidigung: Ich frage mich, zu welch furchtbarem Ausdruck
sie gegriffen hätten, wenn sie nur mein Inneres hätten sehen
können!
Nach und nach geschah es also, daß unsere strenge, auf Gefühlsunterdrückung
abzielende Erziehung einen unbewußten Verteidigungssinn sich in
mir entwickeln ließ. Etwas, das jedoch anders war, als die angeborene
Heuchelei unserer Leute, jene lächerliche Maskerade, die uns immer
lächelnd macht und die uns Höflichkeitsformeln und Sitten von
einer fast japanischen Freundlichkeit auferlegt. Bei mir ging es noch
weiter: Die Maske hatte sich an mein Gesicht geheftet wie eine zweite
Haut und ich war nicht mehr dazu imstande, sie abzuheben, auch nicht,
wenn ich mich allein vor mir selbst befand.
Ich lebte in einem kontinuierlichen Depressionszustand, einer Depression,
die im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden ist und mich oft zu seiltänzerischen
Akten des Suchens nach Ablenkungen aller Art gezwungen hat.
Schon im grünen Alter hatte ich eine gewisse Neigung zur Hypochondrie
gezeigt. Der Imperativ aber, meine inneren Haltungen nicht zu äußern,
hatte die Furcht vor Krankheiten in ein krampfhaftes Streben nach der
vollkommenen körperlichen Gesundheit umgewandelt.
Mit einem übertrieben strengen Sporttraining hatte ich die Physiognomie
meines dünnen Körpers gründlich verändert. Ich verbrachte
Stunden in der Schwimmhalle. Wahrscheinlich erinnerst Du Dich daran, da
ich oft glaubte, das leuchtende Grün deiner Augen unter der vom Beschlag
getrübten Brille zu erkennen. Und es war da, in der unendlichen eintönigen
Wiederholung der Beinstöße, in der ich die körperliche
Mühe ganz ignorierte, daß sich meine Denktätigkeit total
ausschaltete und mein Geist endlich zum Schweigen kam. Ein paar Längen
nacheinander genügten und ich verlor ganz den Sinn für Zeit
und Bewegung. Und dann glaubte ich, mich in dem Nichts ausruhen zu können,
als sei ich in einen traumlosen Schlaf versunken. Mit offenen Augen.
Die Folgen jener Momente von Vernichtung wurden erst spürbar, als
ich endlich aus dem Wasser herauskam, dem freundlichen Element, das, meiner
Sorglosigkeit zum Trotz, darauf beharrte, einen toten Körper zu stützen.
Absolut außer Kräften ließ ich mich auf den Boden hin,
wo immer auch ich mich gerade befand, als hätte mich eine Art Lethargie
ergriffen, blieb ich da, wie eingeschlafen. Die Leute, die angesichts
eines Leichnams immer sehr furchtsam reagieren, fühlten sich anfangs
dazu gezwungen, ein gewisses Interesse zu zeigen, auch für jenen
Körper, der bald seine vollkommene Gesundheit erweisen sollte. Aber
schon nach kurzer Zeit blieben die häufigen Ohnmächte, die sich
nie als eine ernsthafte Krankheit entpuppten, vollkommen unbeachtet. Die
Leute lieben die Tragödie: Ein von einem ständig verschobenen
Schlußakt in die Länge gezogenes Drama wird als langweilig
betrachtet. War am Anfang immer irgend jemand dazu bereit, mich aus meiner
Gefühllosigkeit aufzuwecken und wieder ins Bewußtsein zurückzuholen,
hatten alle, die mich kannten, nach und nach gelernt, mich zu ignorieren,
in der leichten Überzeugung, daß ihre Indifferenz mich von
meiner Extravaganz heilen könne. Eitle Hoffnung, Irina, nichts und
niemand war dazu imstande, mich vor mir selbst zu retten.
Das endlose Laufen, das übertriebene Gewichtheben und die unendlichen
Promenaden waren das Mittel zum Abtöten des Körpers, nicht jenes
zur Suche nach seinem Wohlbefinden, wie ich zu glauben vorgab.
Die Lüge hat meine Existenz beherrscht. Dieselbe verhaßte Lüge,
auf der unsere heuchlerische Nation beruht.
Der Selbstmord unseres Vaters, so unerwartet und unvorhersehbar, bezeichnete
endgültig das Ende meiner Illusion von irgendeiner künftigen
Rettung. Es war, als sei ein Schleier aus dichtem Nebel plötzlich
vor meinen Augen zerrissen: Die Hoffnung war nicht mehr da, und mit ihr
auch ich selber nicht.
Ich weiß nicht, was Du empfunden hast, welche Deine Regungen gegenüber
jener unwiderruflichen Katastrophe waren. Was mich betrifft, seit jenem
Tag habe ich mein Vertrauen in die blinden Verwandtschaftsbande verloren,
die sich mir als noch illusorischer und unehrlicher als die gewählten
Bindungen offenbart hatten.
Mein Vater, besser gesagt, was in der Erinnerung von ihm übrigblieb,
wurde zum Feind. Nicht die Tatsache des Selbstmordes an sich brachte mich
durcheinander. Schon zuvor hatte ich mir sehr nahestehende Leute auf dieselbe
Art und Weise verloren. Auch war die spöttische Art, die er gewählt
hatte, um wegzugehen, nicht die Ursache meines Grolls. Erinnerst Du Dich,
Irina? Man mußte ihm zwei Nähte mit Eisendraht setzen, um seinem
Gesicht jenes schreckliche Grinsen zu nehmen. Meine Empörung war
eher eine Art verheimlichter Neid. Er war weggegangen, während ich
immer noch dablieb, allein, harmlos, plötzlich jeder Möglichkeit
beraubt, in Zukunft das bescheidene Gärtchen der Hoffnung bebauen
zu können, das nicht selten den Menschen ein gutes durchschnittliches
Leben ohne großes Leid ermöglicht
Ich fühlte mich von meinem Vater verraten und betrogen. Er durfte
mich nicht einfach verlassen, nachdem er mich gegen meinen Willen zum
Abenteuer des Lebens gezwungen hatte. Ich haßte ihn, einfach da
er mein Vater war, ein Verbrecher, wie alle Leute, die Nachkommen zu zeugen
wagen: Einmal geboren, wollen sie leben, und das heißt: Todeslose
haben; und sie hinterlassen Kinder, damit neue Todeslose geboren werden.
Ich haßte ihn noch vielmehr dafür, daß er so entartet
gewesen war, nicht auch mir das Leben zu nehmen: die einzige Handlung,
die ihn von seinem Zeugungsverbrechen hätte erlösen können.
Daß meine Mutter ihm nicht gefolgt war, war mir gleichgültig.
Ich habe sie nie als meiner Sympathie würdig erachtet. Immer noch
kann ich die Tatsache nicht ernsthaft in Betracht ziehen, daß sie
irgendeine Verbindung mit mir haben könne
daß mein Fleisch,
wie eine Larve im Mist, sich von dem ihren ernährt hat, daß
es es verbraucht, aufgesogen, aufgefressen hat
Siehst Du, was für eine geringe Bedeutung die Familienbande haben
können und welche unangenehmen Gleichnisse sie in meinem Geist auslösen!
Meine legitimen Geschwister, Ulrike, Josef, Johanna und Lilian verhielten
sich mir gegenüber wie vollkommen Fremde und auch ich konnte für
ihre mittelmäßigen Leben nicht die geringste Regung hegen.
Du, mit Deiner geheimnisvollen Herkunft und Deinen grünen undurchdringlichen
Augen, warst so anders als Deine Altersgenossinnen, Du bist die einzige,
für die ich ein gewisses Interesse hegte. Im übrigen, wäre
ich ein weltverlorenes Waisenkind gewesen, hätte ich mich auch nicht
unglücklicher gefühlt.
Alle erwarteten von mir große Dinge.
Kaum war ich zehn, schon sprach meine Mutter zu mir von den Kindern, die
ich zeugen würde und von ihren Namen. Kinder: schon das einfache
Aussprechen dieses Wortes konnte in mir ein Schauderzittern auslösen.
Ich würde eine Frau zu meinen Diensten haben und, wenn das Glück
der Nachkommenschaft mir hold war, eine Schar von Knaben zur Befehligung.
Ich würde ein berühmter Rechtsanwalt werden, reich und hoch
angesehen in der Gesellschaft, mit einer unaussterblichen Nachkommenschaft.
Ekelhaft.
Die Verachtung meiner Mutter gegenüber und die Gleichgültigkeit
der Zukunft gegenüber wuchsen mit zunehmendem Alter und ich unterdrückte
sie mit unerhörter Gewalt.
In der Schule, jenem grauen und schlecht beleuchteten Gebäude, das
von Nahem wahrlich einem Gefängnis ähnelte, langweilte ich mich
nur. Neben dem Fenster sitzend, zählte ich die sich kräuselnden
Wellen der Salzach und durch das Gitter meiner Zelle beobachtete ich die
Leute, die über die Brücke gingen. Manchmal sah ich ganze Regimente
von Familien. Wie oft wirst Du auch einen gelangweilten Blick über
jene fremde Menge hingeworfen haben? Ich erinnere mich an einen Familienvater:
Straff und stolz auf seinem Fahrrad sitzend, führte er seine Familie
bei der Spazierfahrt an wie ein Kapitän der Infanterie. In respektvoller
Entfernung folgten ihm das Weib und seine neun Kinder. Obwohl sich das
Weib die allergrößte Mühe gab, konnte es mit ihm nicht
Schritt halten. Die Kinder mußten all ihre Kräfte aufwenden,
um nicht zurückzubleiben. Er wandte sich nie um, um zu prüfen,
ob alles in Ordnung war. Er fuhr steif weiter, ohne langsamer zu werden.
Er sehnte sich geradezu danach, den Fall seines Heeres mitanzuschauen,
er, ihres Endes gierig
In mir regten sich Haßgefühle
gegen jenen grausamen Mann und jenes gehorsame Weib: Opfer und Henker,
durch die Qual verbunden, im Leiden unauflösbar miteinander verschmolzen,
die Ehe
Trotzdem, sagte ich mir, würde auch ich irgendwann
meine Schar führen, mit demselben Stolz, mit derselben Strenge, mit
derselben grausamen Befriedigung. Dann würden mich alle grüßen
und beneiden. Das ist der Lebenszweck: die Familie beim Spazierengehen
anzuführen, zum Leiden zu zwingen, zu zerstören: so muß
es sein, und es ist schön, daß es so ist
Ich überzeugte mich selbst von der Gerechtigkeit dieser Weltordnung
und hieß die natürlichen Haß und- Verachtungsgefühle
schweigen.
Ach, wie gerne ich zusammen mit dem Leben geflossen wäre, Irina,
frei, ohne Sorgen um die Zukunft, ohne die Schwere der Vergangenheit
Gott, meine Freundin, hätte ich in jenen Jahren nur einen Meister
gehabt, der von mir den Staub unseres dummen Konformismus hätte blasen
können! Nein, im Gegenteil konnten sich die unmenschlichen Regeln,
die Dogmen, die kleinbürgerlichen Gewißheiten, die Vorurteile
auf meiner Haut kristallisieren, in der Gestalt einer unzerbrechlichen
Hülle, die mich immer noch gefangen hält. Leben, Irina, das
echte Leben war um mich herum, warm wie ein sprühendes Meer und ich,
ich, durch jene harte Schale, spürte es nicht: quam angusta porta,
et arcta via est, quae ducit ad vitam: et pauci sunt qui inveniunt eam!
Ab und zu warf ich einen Blick auf meine unbedeutenden Schulkameradinnen
(wie anders Du mir damals erschienst!), so bildete ich mir ein, ich ginge
mit jeder einzelnen von ihnen Arm in Arm an der Salzach entlang spazieren.
Welche würde ich knechten und zur Sklavin machen? Jene, die gerade
auf ein Taschentuch eine Rose stickte, oder jene, die schweigsam, der
Nachbarin schmollend, dasaß? Aber dann fragte ich mich, warum ich
überhaupt ein solch nutzloses Wesen, wie ein Weib hätte heiraten
sollen...
Von neuem versuchte ich, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Meine
widerspenstigen Gedanken hingegen flohen weg, wie von einem unsichtbaren
Wind verstreut. Vor meinen Augen gerann das Bild der Festung mit der an
ihrem Haupt haftenden Wolkenausstattung, die Farbe von verbrannter Erde,
der widerliche Geruch des Getriebes der Drahtseilbahn.
Außer mir beizubringen, die Bibel wie ein Exegeter zu lesen (immer
noch kann ich es nicht lassen, meine Äußerungen mit Bibelzitaten
vollzustopfen) lehrte man mich zur Schule, wie ich eine Bilanz halten
konnte, als sei es mein Schicksal, Schillinge anzuhäufen und zu zählen.
Ich würde die Dienerschaft bezahlen müssen, die Arbeiter, ich
würde dem Weib das Geld für den Einkauf geben, ein paar Schillinge
pro Jahr für seine Kleider und für die der Kinder. Das Haus
dann, es kostete gar nicht viel. Mit einem kräftigen Weib und zur
Hausarbeit erzogenen Kindern würde eine Bedienerin mehr als genug
sein. Aber das Haus mußte groß sein. Für die Gäste.
Es ist nur der Gäste wegen, daß man große Häuser
baut, ansonsten könnte man ruhig in einer Hütte leben
Obwohl unsere finanzielle Lage nicht immer bestens war, gelang meinem
Vater jedes Jahr zu meinem Geburtstag, mir eine kleine Geldsumme zu schenken.
Bevor ich einschlief, saß ich still und betrachtete jenes wunderliche
Papierstück, das mir etwas Angenehmes verschaffen konnte: eine Schiffsrundfahrt,
ein Puppenspiel, ein bißchen Marzipan, eine ganze Torte oder mehr,
eine neue Lokomotive für meine Modelleisenbahn. Mit jenem Geld konnte
ich mir einige Momente aus dem Leben eines Händlers erkaufen. Ich
hatte damit, wenn auch nur für kurze Zeit, eine gewisse Macht über
einen Erwachsenen, jene Achtung, die einem Kind normalerweise verweigert
wird. Oder ich konnte die Banknote einfach in die Salzach hineinwerfen,
nachdem ich sie in winzige Stücke zerrissen hatte, um des reinen
Zerstörens Willen
Ich weiß, Du denkst, daß solche
verrückten Überlegungen nicht zu einem Kind jenes Alters passen,
trotzdem sind sie die meinen, ich hätte keinen Grund zu lügen.
Jedenfalls geriet das Sümmchen immer in die Hände meiner Mutter,
noch bevor ich irgendeine Entscheidung über sein Schicksal hätte
treffen können.
Einst bekam ich zwanzig Schilling von einem Onkel aus Amerika, der noch
nicht von dieser Krankheit aus Übersee angesteckt worden war, vom
Geiz, meine ich. Diesmal dauerte mein Zögern nur wenige Augenblicke.
Sofort faßte ich den Entschluß, jenes Geld in winzige Fetzen
zu zerreißen. Es gab keine Austauschware. Die neue Bäckerin
war mir verhaßt, das Puppentheater war geschlossen, das schlechte
Wetter schloß jede Möglichkeit einer Schiffahrt aus. Vor allem
wollte ich nicht, daß das Geld an meine Mutter geriet.
So verwandelte ich die Banknote in einen unförmigen Brei und ohne
die geringste Reue mischte ich das Ergebnis meines alchemischen Werkes
unter die Erde eines Blumentopfes.
Am folgenden Tag, als meine Mutter kam, um das Geld bei mir zu suchen,
sagte ich ihr, mit einem Stolz, der auf einem Kindergesicht schwer vorstellbar
ist, ich habe daraus Dünger für die Blumen gemacht. Sie bestand
darauf, daß ich ihr die Wahrheit sagte. Ich jedoch konnte nur meine
Erzählung bestätigen und stellte ihr den untrüglichen Beweis
meiner Missetat vor: ein dünnes Fragment Filigran. Mein Gott, Irina,
Du kannst Dir nicht vorstellen, wie übermäßig ihre Reaktion
war. Sie fing mit einem kaum hörbaren Schluchzen an, etwas dem Röcheln
eines Sterbenden Ähnliches, dann vergrub sie die Hände in ihren
Haaren und begann, ihren Kopf zu bewegen, hinauf und hinunter, immer schneller,
wie ein tödlich getroffenes Tier, das sich von dem schmerzenden Pfeil
nicht befreien kann. Dann richtete sich ihre Wut gegen mich. Die erste
Ohrfeige verursachte mir eine Blutung, die folgenden bewirkten eine Ohnmacht.
Es war das erste mal, Irina, daß ich meine Mutter bemerkte und es
war ihr Haß, der sie für meine Augen sichtbar machte. Jene
Frau haßte mich. Hätte sie nicht die Folgen befürchtet,
sie hätte mich umgebracht. Für eine Handvoll Groschen. Sie wollte
sie, um sich neue Strümpfe kaufen zu können, ein Band für
die Haare, eine Dose Puder oder weiß Gott was von dem eitlen Weibertand.
Gab ihr mein Vater nicht genug? Als ob Speis und Trank, ein Bett zum Schlafen
nicht genug wären
Ich haßte sie ebenfalls. Siehst Du, wie trüb manchmal die Beziehung
zu den Eltern sein kann? Zuneigung zur eigenen Mutter zu hegen, könnte
einem wie die allernatürlichste Sache der Welt erscheinen
Ich
haßte sie, wie man nur eine tief verachtete Person hassen kann.
Warum sich schön machen? Für wen? Für seinen Gefängniswärter?
Welcher Unterschied bestehet denn zwischen ihr und einer Hündin,
die das Fell beim Anblick ihres Herren glättet? Was war sie mehr
als eine demütigte Bestie?
Oh, elendes Leben der Frauen! Ich gönne mir diese Aufrichtigkeit,
Irina, da ich weiß, daß Du anders bist. Ich weiß darüber
Bescheid, daß es Dir gelungen ist, wenigstens zum Teil, Dich dem
traurigen Schicksal Deiner Genossinnen zu entziehen, indem Du Dir eine
Existenz aufgebaut hast, die von Nahem betrachtet der eines Mannes ähnelt.
Und wie sonst? Es ist traurig, seine eigene Natur entarten lassen zu müssen
für eine Handvoll mehr Freiheit
Ist schon der Mann eine mißlungene
Imitation, kann die Frau nur die Imitation der Imitation sein
Aber es liegt mir am Herzen, Dir das Ende dieser Episode zu erzählen,
da dies Dir die Möglichkeit geben wird, den Vater, den wir teilen
und für den Du vielleicht immer noch eine heimliche Bewunderung hegst,
besser kennenzulernen.
Ich sagte Dir, daß ich in Ohnmacht gefallen war und aus der Nase
blutete. Also, meine Mutter glaubte zu diesem Zeitpunkt, sie habe etwas
Unwiderrufliches getan. Sie lief ins Wohnzimmer, wo alle gespannt den
amerikanischen Erzählungen des Onkels folgten. Echte Besorgnis zeigend,
sagte sie, ich habe mir den Kopf gestoßen habe und schiene ihr nun
wie tot. In Wirklichkeit, wäre sie nicht vollkommen davon überzeugt
gewesen, mich umgebracht zu haben, hätte sie sich wohl davor gehütet,
Hilfe zu holen.
Aber zu ihrem Unglück war ich lebendig, lebendiger sogar als je zuvor
und schon wieder bei Bewußtsein, als die anderen ins Zimmer hereinstürmten
und mich blutend auf dem Boden vorfanden. Unter Tränen bestritt ich,
mich zufällig verletzt zu haben und erzählte, wie es sich tatsächlich
zugetragen hatte. Mein Wort stand gegen das meiner Mutter. Das Wort eines
Kindes gegen das eines Weibes. Kein Zögern. Mein Vater nahm, mit
der schweigenden Einwilligung meines Onkels, vom Kamin einen kräftigen
Zweig und vor allen Anwesenden
Niemand gab sich Mühe, dazwischenzutreten. Niemand verhinderte, daß
der ehrenwerte Herr Winkler die Unversehrtheit jenes jungen Körpers
zerstörte, jene makellose Haut
Es gibt keinen Richter für
eine frevlerische Mutter! Niemand zeigte die geringste Betrübnis
angesichts jener unerhörten, unmäßigen, unhaltbaren Gewalt
des Henkers
Seit der Zeit der Inquisition, seit der Zeit der großen
Feuertode, hat sich dem Anschein zum Trotz nichts geändert
Das Schicksal wollte, daß meine Mutter überlebte (ach, was
hätte sie alles gegeben für einen Märtyrertod!), aber die
Schönheit erlebte bei ihr eine bedauernswerte Niederlage und der
Körper hörte auf, ihr zu dienen, wie es angemessen ist. Seit
damals hat das rechte Bein sie nicht mehr gestützt: der Stock, den
sie immer bei sich hat, jetzt weißt Du es, ist nicht die Folge eines
Skiunfalles
Es ist überflüssig, Dir zu sagen, daß meine Mutter mir
ihre Behinderung nie verziehen hat. Du weißt, was ein unvollkommener
Körper, ein wackeliger Gang für eine Frau bedeuten: sie ist
nichts mehr wert, sie gilt weniger als eine elende abstoßende Alte.
Irgend jemandem mußte sie die Verantwortung für ihr Verderben
zuschreiben können. Einen anderen zu beschuldigen, hilft gar nicht,
sich besser zu fühlen. In diesen Fällen wirkt nur ein wilder
Haß gegen einen anderen Menschen als befreiend. Und da der Herr
Gatte so gut ist
Ja, Irina, er ist so gut gewesen, daß er damals sie, die immer noch
ein Kind war, einem Vater entrissen hatte, der zu ihr zärtlich und
liebvoll gewesen war wie die beste Mutter, und wie alle alten Menschen
großzügig... Der einzige Makel an der fast göttlichen
Rechtschaffenheit Herrn Martin Petrils war das Spiellaster gewesen. Die
Tochter, ein zierliches Mädchen mit lockigen goldenen Haaren, hat
er praktisch beim Kartenspielen verloren. Es war am Abend vor der Niederlage
gewesen, als das Los des Krieges schon bestimmt war und er sich mit seinem
Regiment auf den Weg zur Front machte, dem sicheren Tode entgegen. Was
hatte er zu verlieren? Selbst wenn er beim Spiel nicht gewinnen würde,
würde niemand zu ihm kommen, um etwas von ihm zurückzuverlangen:
seine Kameraden, er selbst, sie alle waren faktisch schon totes Fleisch
Dagegen bewirkte aber dann das plötzliche Ende der Feindseligkeiten,
das Ende des Krieges, daß jene Tode verschoben wurden und daß
einer der eben noch Verurteilten verlangte, seinen Gewinn ausgehändigt
zu bekommen
Martin Petril kehrte nie nach Hause zurück. Ich weiß nicht,
Irina, ob er sich selbst das Leben nahm, oder ob er wirklich während
des Rückzug aus Versehen von einem Kameraden erschossen worden war,
wie man meiner Mutter mitteilte. Der Herr Winkler zweifelte keine Sekunde
daran, ob er nun seine Kriegstrophäe holen sollte: er ging zu meiner
Mutter und sagte ihr nur, es sei der letzte Wille des Leutnant Petril
gewesen, sie standesgemäß unterzubringen.
Weder stellte sie Fragen, noch verschwendete sie damit Zeit, das Schicksal
ihres Vaters zu beklagen, überdies war sie stolz darauf, einen eigenen
Mann gefunden zu haben, ein Haus, über das sie herrschen, Kinder,
derer sie sich rühmen konnte
Jetzt konnte sie, ja mußte
sie vollkommen glücklich sein, jetzt, da sie den Ring genommen hatte,
jenes von den Weibern so angestrebte Joch.
Aber als wie brutal und anmaßend sich ihr zweiter Tutor erwies,
welch ungerechte Gewalt ihr der Name Gattin einbrachte! Liebe? Nie erhaschte
ich in den Blicken meiner Eltern so etwas wie Liebe! Für den Vater
war meine Mutter eine Sache, ein Ding ohne Bedeutung, ein weiterer Bestandteil
seines Besitzes und sonst nichts! Und sie fand das alles natürlich,
selbstverständlich: sie hatte nichts dagegen, als Bestie betrachtet
zu werden. Nie auch nur ein Wort, nie eine Geste der Rebellion
Ach Irina, wenn Du nur wüßtest, was es mich kostet, etwas derartiges
sagen zu müssen: es ist schrecklich, daß ein etwas höherer
Grad an Bewußtsein uns dazu zwingt, unsere eigene Mutter zu verachten!
Ich frage mich, warum ich die starke instinktive, fast tierische Bindung
nicht spüre, jene Verbundenheit, die daher rührt, daß
wir einst im Körper einer Frau gelebt haben, von ihr die erste Nahrung
bekommen haben, die ersten Blicke, von ihr die ersten Wörter gelernt
haben
Aber es ist nicht nötig, daß ich Dir so viel von meiner Mutter
erzähle. Was ich will, ist, daß Du eine Idee von der Person
bekommst die ich damals war, von jener Person, der Du flüchtig auf
dem Schulflur begegnetest und die Du als für einer Begrüßung
unwürdig erachtetest.
Damals war ich krank, Irina, sehr krank, ich litt an einer Krankheit ohne
Namen, die mich von innen her zerfraß und von der nur ich allein
wußte. Niemand konnte mich je überzeugen. Das menschliche Leben,
meine Freundin, ist ein ununterbrochenes Suchen, ein verzweifeltes Suchen,
ein Suchen nach etwas, von dem man nicht weiß, was es ist. Unser
Schicksal ist Frustration, denn welches Ziel auch immer wir erreichen
mögen, es bringt uns keine Befriedigung und wird sofort wieder bedeutungslos.
Innerhalb meines Lebens, Irina, da ist ein Riesenloch, entsetzlich und
unvorstellbar tief: ich werfe ständig alle Arten von Dingen hinein,
aber ich sehe sie nacheinander darin verschwinden, ohne daß sie
Spuren hinterlassen. Ich konnte dieses Loch noch nie füllen, im Gegenteil:
das Leben, wenn man so meine Vergangenheit nennen darf, hat bewirkt, daß
es unaufhaltsam immer größer und breiter wurde, daß es
meine Glieder zu verschlingen begann
Und für meine kindliche
Phantasie war etwas Bestimmtes die Verkörperung des Unerreichbaren:
die Festung.
Mitten in der Nacht entriß mich ein unwiderstehlicher Instinkt dem
ruhigen Schlafe eines noch nicht von der Reue saturierten Gewissens, wie
es meines damals war. Ich sperrte die Augen weit auf und fand vor mir
die Festung, wie sie, von Fackeln beleuchtet, herrlich, stolz, lebendig,
wie ein Berg aussah. Jenes Gebäude war einem Tempel ähnlich:
der Wohnung einer grausamen opfergierigen Gottheit. Nachts mußte
ich niederknien, wie ein Schlafwandler, vor dem sperrangelweit geöffneten
Fenster, vor der Festung, um ihr meine Gebete anzuvertrauen. Und wenn
der Schlaf mich endlich besiegte, dann erschien die Festung in meinen
Träumen.
Dieses düstere Bauwerk war für mich zu einer Art Obsession geworden.
Ich glaubte, seinen Ruf hören zu können. Es war diese Stimme,
jene Meerjungfrauenstimme, die mich der kindlichen Ruhe entriß:
Du bist nicht, du lebst nicht, du bist schon tot. Ich begehrte
etwas Ungewisses, etwas Grenzenloses und brannte vor Sehnsucht nach etwas,
von dem ich selbst nicht zu wissen vermochte, was es war, während
die angeborene Krankheit meines Willens immer mehr um sich griff .
Es reichte schon, daß ich kaum das Fenster aufmachte, daß
eine Sturzwelle von Regungen mich völlig berausche. Das rhythmische
Ticken der Tropfen und das Schweigen der Berge, das jede Erinnerung an
das Leben von untertags zerstreuen konnte, der Geruch des Regens und der
Duft der nassen Erde, die stechende Kälte und die leeren von einem
weinerlichen Licht kaum erhellten Straßen: Salzburg ist so unerträglich
schön! Meine unreifen Sinne spannten sich wie die Segel eines vom
Sturm ergriffenen Bootes. Zu schwach war ich für all dies.
Ach Irina, ich litt: et suspiciet sursum, et ad terram intuebitur, et
ecce tribulatio et tenebrae, dissolutio et angustia... Übrigens ist
niemand dazu imstande, den Schiffbruch zu überleben. Tödlich
ist Salzburg, wie es auch die pure Schönheit ist. Wir Menschen sind
daran gewöhnt, die Schönheit nur in kleinen Schlucken zu kosten.
Eine Stadt wie Salzburg ist Gift.
Die Festung war die Verkörperung meines seltsamen Unwohlseins, meines
außergewöhnlich frühreifen Bewußtseins. Hätte
ich nur gekonnt, ich hätte jenen unerträglichen Wärter
meines Lebens, der mir die Ruhe und die Lebensenergie der Kindheit entzog,
niedergerissen.
Am Tage, indem ich mich anderen Tätigkeiten widmete, konnte ich das
Entzücken lindern, es gelang mir sogar manchmal, die Festung für
einige Momente aus meinen Gedanken zu verbannen.
Am Sonntag gehen die gutbürgerlichen Familien mit ihren Kindern auf
der Terrasse spazieren: nicht selten bin ich Dir, am Arm deiner wunderschönen
Mutter, entlang den Pfaden des Mönchsbergs begegnet. Ich betrachtete
Dich mit Staunen, seitdem ich Dich gesehen hatte, straff und stolz, wie
Du Erde aßest, unter den erschrockenen Blicken deiner Spielgefährtinnen.
Aber wenn ich an Dich eine Begrüßung, einen Blick, einen unbedeutenden
Satz richten wollte oder wenn ich einfach versuchte, schweigend zu dir
zu sprechen, dann zeigtest Du nicht das geringste Interesse mir gegenüber,
im Gegenteil, Du drehtest deinen Kopf mit einer Bewegung voller Verachtung
um, als fühltest Du Dich von meinem Blicke beleidigt. Trotzdem wartete
ich auf jeden Feiertag mit derselben ängstlichen Ungeduld, mit der
man nach einem besonders harten Winter die ersten Strahlen der Frühlingssonne
erwartet.
Wenn mein Verhalten während der Woche zufriedenstellend gewesen war,
durfte ich dafür zum Lohne mit der Töpferlbahn fahren. Ach Irina,
Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich jenes Geschenk, das jeder meiner
Altersgenossen verschmäht hätte, hoch schätzte! Was hätte
ich nicht alles gegeben, um für immer in der rostigen
Kabine bleiben zu können! Das finstere Gewölbe mit seinem penetranten
fauligen Geruch, ohne die geringste Öffnung, die die Sonne hätte
durchsickern lassen können, war der einzige Ort in der ganzen Stadt,
wo die Schönheit nicht hauste. Dort konnten meine müden Sinne
erleichtert aufseufzen und der endlich entspannte Geist sich all seiner
unnützen Gedanken entleeren. Der Wärter der Festungsbahn, der
alte Steinkopf Du magst ihn vielleicht vergessen haben war
ein rauher Mann, ohne jegliche Zartheit, absolut unfähig, irgendwelche
menschlichen Beziehungen zu unterhalten, schlampig, sehr schlampig im
Aussehen. Ich erinnere mich an seine riesigen Hände, voll von kleinen
schwarzen Schnitten, mit jenen schrecklich krummen Nägeln, naß
vom verbrannten Öl der Getriebe, die fettigen Haare, den borstigen
Bart, die hohle Nibelungenstimme
Ihr anderen Kinder, ihr wart vor
ihm erschrocken und ihr floht vor ihm, wie man üblicherweise vor
den Dingen flieht, die man für abstoßend hält. Ich versuchte,
mit allen möglichen Listen seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen,
ihm aufzufallen. Ich wollte, daß er mir gegenüber eine andere
Haltung einnahm, daß er mich auserwählte, um sich vor mir zu
enthüllen, daß er sein Geheimnis mit mir teilte, jenes Geheimnis,
das jeder von uns in sich birgt.
Zum Teil erfüllten sich meine Wünsche, so kam es zum Staunen
meiner Begleiter nicht selten vor, daß der Alte mir lange traurige
Blicke voll von Verbundenheit schenkte. Übrigens ist Steinkopf die
einzige gute Erinnerung an meine Kindheit. Ich frage mich, ob er noch
lebt
Jede Minute, die ich in der Talstation, die einer Hohle ähnelte,
wartend verbrachte, dehnte ich in meinem Geist aus und versuchte, sie
so lange wie möglich auszukosten, so als sei sie die letzte meines
Lebens. Der Wagen stieg in die Finsternis hinauf und drang durch die Eingeweide
des Berges. Die Wände - wunderlich bar jeglichen Schmuckes aus Smaragden,
Stalaktiten oder anderen geologischen Schätzen - waren ganz im Gegenteil
von modrigem Schimmel bedeckt. Die Kabine stieg hinauf und ich erzitterte
bei dem Gedanken, daß das Licht früher oder später wieder
sichtbar werden würde. Ich versuchte, mir die Blendung des Sonnenlichtes
zu vergegenwärtigen, um mich im Voraus auf das Unbehagen des damit
verbundenen Gefühles vorzubereiten. Die Wirklichkeit übertraf
immer die schlimmsten Erwartungen. Als das leichte durch den Höhlenmund
sickernde Sonnenschimmern meine halbgeschlossenen Augen erreichte und
die Wärme wieder in die Adern zurückkehrte, sah es plötzlich
so aus, als zerstreuten sich die tausend Energien des Körpers und
mir fiel sogar das Atmen schwer. Zu schwach war mein junger Geist und
zu heftig der unbezwingbare Wille, der sich hinter dem harmlosen Aussehen
versteckte.
Auf der Festung glaubte ich, sterben zu müssen. Nachdem ich meine
zweite Scheibe Butterbrot wie ein Medikament hinuntergeschluckt hatte,
stand ich auf und mit irgendeiner Ausrede begann ich, weg von der Terrasse
zu laufen, hinüber auf die Pfade des Mönchsbergs, ohne mich
umzusehen, ohne die Düfte der Lindenbäume einzuatmen, ohne der
Sanftheit der Eichhörnchen und dem süßen Vogelgesang Aufmerksamkeit
zu schenken. Ich lief, schneller als mein Körper es aushalten konnte.
Ich lief, bis meine von der Anstrengung abgestumpften Sinne vollkommen
unempfänglich geworden waren. Die Gedanken rannen an mir ab, zusammen
mit Bächlein von Regen und Schweiß auf meinem Gesicht. Wenn
es nicht genug war, kehrte ich zurück zur Galerie, um dort eine Atempause
zu machen.
Meine Eltern waren stolz darauf, daß ich so viel von körperlicher
Ertüchtigung hielt. Sie waren froh, daß ich, anstatt müßig
auf dem von meinen Geschwistern so geliebten Hochstand zu sitzen, wie
ein unruhiger Geist im Regen umherlief. Siehst Du, Irina, wie gut ich
als Kind darin war, die Erwachsenen zu betrügen! In Wirklichkeit
handelte es sich aber um einen Betrug mir selbst gegenüber: tatsächlich
war ich davon überzeugt, daß es physische Übung war. Es
gibt niemanden, dem es mit solch feinen Kunstgriffen gelingt, uns zu betrügen,
als wir selber
Bestimmt denkst Du jetzt, wenn ich so viel auf mein körperliches
Wohlbefinden hielt, blieb mir nichts Anderes übrig ,
als das des Geistes zu vernachlässigen: es ist unmöglich, zwei
gegensätzliche Lebensarten in sich zu vereinen. Da irrst Du Dich
nicht. Ich haßte Bücher. Ich hatte keines mehr davon geöffnet
seit dem Tage, an dem ich eine große Schabe aus einem Exemplar meines
geliebten Professor Unrat herauskriechen sah. Das Gefühl
von Ekel war so heftig gewesen, daß es meine völlige Abscheu
gegen Druckpapier im Allgemeinen erregte, welches ich tatsächlich
für fähig hielt, spontan solche Unwesen zu gebären
Was für ein trauriges Abenteuer meine Kindheit war!
Also las ich nur, was von mir in der Schule verlangt wurde. Rein aus Pflicht,
nie aus Lust. Und stets mit angemessener Vorsicht!
Im Übrigen fühlte ich, soweit ein Kind sich dessen bewußt
sein kann, daß das Lesen eine zu gefährliche Tätigkeit
ist . Eo quod in multa sapientia multa sit indignatio; et qui addit scientiam,
addit et laborem: dieser Satz, den einst mein Vater benutzt hatte, um
meine dürftige Neigung und meinen Widerwillen gegen das Studium meiner
ersten Jahre zu entschuldigen, hatte sich bei mir eingeprägt. Deswegen
war ich völlig davon überzeugt, daß, hätte ich nur
der natürlichen Empfindsamkeit jene künstliche und verleitete
der Bücher beigefügt, ich lebendig nicht davonkommen würde
.
Empfindsamkeit so kann ich gerne meine Krankheit benennen,
weil sie, liebe Irina, vor allem die übermäßig empfangsbereiten
Sinne betrifft. Es ist, daß die Natur mir gegenüber nichts
von sich geheimhält, sie verbirgt mir nicht das Werden der Formen,
das sich Vermischen der Säfte, das geordnete sich Zusammenfügen
der Stoffe, ganz im Gegenteil, sie zeigt mir die allerheimlichsten Zusammenkünfte
der unbeseelten Materie, sie beteiligt mich an ihren intimen Vorstellungen
und an den Kämpfen, die die einfachen Elemente gegen die höheren
Formen, gegen die Schönheit führen. Und in diesem Konflikt stecke
ich bis zum Hals, ich spüre ihn in meinem Körper: ich spüre
die primären Formen, die aufgewühlt sind, die Säfte, die
gegen die Sklaverei rebellieren, die Materie, die von innen her drückt,
um die schönen Züge des Gesichtes zu zerstören, die dünne
Haut, die Lippen
Aber die Schönheit wird immer, immer triumphieren...
Es gibt kein Detail, keine noch so unbedeutende Einzelheit, keinen noch
so kleinen Ausschnitt der Realität, den ich nicht als meiner leidenschaftlichsten
Betrachtung würdig erachte . Es gibt manchmal Momente, in denen ich
mich wie betäubt von den Empfindungen fühle. Die Phänomene
entzücken mich allesamt, ununterschieden, und es gibt keinen Pinselstrich
dieser Malerei im Fresko des Lebens, den ich nicht als etwas Hehres empfinde.
In einer Rose sehe ich das ganze Universum, ich bewundere ihre Anstrengung,
aus einem Stachelbusch sich zu entwirren und wenn sie verwelkt, leide
ich mit ihr, schreie ich mit ihr, so als ob ihr Verfallen mein eigenes
Dasein, meine Haut, meine Nerven miteinbezöge
Es gibt nichts
auf dieser Welt, das nicht zu sterben weiß und es ist dieses kontinuierliche
Vergehen, aus dem das Wesen der Dinge besteht. Ich fühle mich von
diesen ununterbrochen geschehenden Toden wie mitgerissen, sie gehen mich
alle etwas an, ausnahmslos . Ich lasse mich von dem verzweifelten Entzücken
angesichts ihrer Schönheit zerfleischen, einer Schönheit, die
sich erst dann und nur dann zeigt, wenn ihr Ende beginnt. Verstehst Du
Irina, wie kann man in einer Welt leben, wo alles die schmerzhafte, wenn
auch faszinierende Sprache des Todes spricht? Nur wenn unsere Sinne betäubt
genug sind und unsere Sprache in den Kommunikationsschwierigkeiten steckengeblieben
ist, gelingt es uns, den Verfall der Schönheit zu überleben,
sonst et aures eius aggrava, et oculos eius claude: ne forte videat oculis
suis, et auribus suis audiat, et corde suo intelligat
. Im Gegenteil
, die extreme Empfindsamkeit, das Verständnis, das Mitleid, Irina
überfluteten wie eine Krankheit den Körper des Kindes.
Ich hatte keine Freunde. Die Menschen interessierten mich damals wohl
kaum: noch konnte ich nicht in der eckigen und trockenen Harmonie des
menschlichen Körpers die Krönung der Schönheit sehen, die
mich später entzücken sollte. Die Personen waren abstrakte Wesen,
von denen ich nur eine ganz dürftige Kenntnis hatte, eher hielt ich
sie für Störfaktoren, langweilige Zufälle, die mein absolut
krankhaftes Verlangen nach der Vereinigung mit den Dingen nur behindern
konnten.
Ab und zu tauchte in meiner Isolation die strenge Gestalt eines Erwachsenen
auf, den ich der Achtung für würdig hielt. Aber schon beim ersten
Händedruck verstand ich, daß meine Neugier nicht länger
als einen Wimpernschlag gedauert hatte. Die Erwachsenen lügen alle.
Es scheint immer so, als wüßten sie alles, was im Kopfe eines
Kindes sich abspielt, aber dann verraten sie mit einem dummen Satz oder
einem mitleidigen Lächeln ihre grenzenlose Unwissenheit. Leere Rhetorik,
Sophismen, das ist alles, was sie von sich geben können. Sie sind
Sklaven, ohne es zu bemerken: ich, ich habe mich nie von dem gesunden
Menschenverstand ihrer Argumentationen überreden lassen. Ich habe
mich nie vom Leben überreden lassen
Zu meinen Altergenossen oder zu den etwas Älteren hatte ich nie irgendeine
Beziehung : die von den tausend Kompromissen und von der Heuchelei der
Existenz freien jungen Geister sind nicht dazu imstande, ihren Stumpfsinn
auch nur eine Sekunde lang zu verbergen. Ich haßte den heiteren
Blick, die sorglose Anpassung an die Dinge, die vergeudete Lebenslust
jener jungen Wesen, die zutiefst davon überzeugt waren, daß
die Welt, eine friedlich lächelnde von einem barmherzigen und freigiebigen
Marionettenspieler geschaffene Welt, gerade für sie da sei: das hat
nichts zu tun mit dem Universum des Gottes der Christen
Ich, Irina, ich war anders. Das Leiden, jenes ständige Wahrnehmen
und Unterdrücken des Konfliktes in mir, machte mich anders; eine
überentwickelte Empfindlichkeit. Anders? In Wirklichkeit empfand
ich mich, auf tragische Art und Weise, aufgrund eines grausamen Scherzes
des Schicksals als den anderen Kindern beziehungsweise den meisten Menschen
überlegen: Die anderen konnten nicht verstehen, die anderen sahen
nicht, sie waren absolut blind. Verstehst Du, Irina, Du kannst über
ihre Unwissenheit lachen, du bist der einzige, dem die Dinge vertraut
sind, der einzige, der ihre traurige und geheimnisvolle Sprache versteht.
Ich hielt mich für einzigartig, rar. Dem Menschengeschlecht fremd.
Göttlich. Ich war mir sicher, daß ich bald eine übernatürliche
Tat vollbringen würde, durch welche ich mich endlich zu meiner wahren
Natur entpuppen sollte, wie beispielsweise zu fliegen, Gegenstände
mit der Kraft meiner Gedanken fortzubewegen, mich zu vervielfachen...
Manchmal aber geriet mein Hochmut ins Wanken. Das ist, was geschehen wird:
et erit pro suavi odore foetor, et pro zona funiculus, et pro crispanti
crine calvitium, et pro fascia pectorali cilicium... Letzten Endes waren
jene mir unterlegenen Wesen, in ihrem Stumpfsinn und mit ihrem Schatz
an frivolen Zerstreuungen glücklich: ich nicht.
Dann sperrten sich meine Augen plötzlich für wenige Sekunden
auf und ich konnte die traurige Wirklichkeit erfassen. All jene, die mich
umgaben, gehörten einer Gesellschaft an: Meine Altersgenossen waren
miteinander solidarisch. Die Leute um mich herum verband irgendeine Art
von Komplizität. Meine Mitschüler hatten alle ihren Lieblingsfreund,
den heiligen und unverletzlichen besten Freund, und deshalb fühlten
sie sich frei, stark, unzerstörbar. Ich war von alledem ausgeschlossen.
Ich hatte keinen, der mich liebte und der mir verbunden war. Alleine konnte
ich nichts unternehmen, konnte nirgendwohin gehen... Ich war überlegen.
Trotzdem versuchte ich immer wieder, eine Person zu erobern, die mich
bevorzugen und mir überall hin folgen würde. Aber sobald ich
die Schwelle der oberflächlichen Bekanntschaft überschritt,
fühlte ich mich gezwungen, mich sofort wieder hinter meine gelangweilte
und verachtende Maske in meine Einsamkeit zurückzuziehen. Um enge
Beziehungen zu seinen Mitmenschen aushalten zu können, braucht man
Geduld, Bescheidenheit, Demut und Opferbereitschaft, Eigenschaften, die
mein Charakter nie gekannt hat.
So geschah es, Irina, daß mir das Schulleben von Tag zu Tag immer
unerträglicher wurde. Die Mitschüler fühlten sich zu Recht
von meinem Stolz beleidigt und sie zeigten mit dem Finger auf mich: hätte
sie nicht der Respekt vor meiner Familie zurückgehalten, sie hätten
mir sogar Böses angetan.
Später, was das Studium betraf, gab es unter den Lehrfächern
kein einziges, wofür ich auch nur das geringste Interesse hegte.
Ich hätte mich lieber einer gesunden und befreienden Unwissenheit
erfreut. Hätte ich doch nie lesen und schreiben gelernt! Wer weiß,
kann sein, daß die Welt, mit den Augen eines Analphabeten betrachtet,
bar der unnützen Kultur viel weniger bedrückend erschiene!
Dann kam das Schachspiel. Die Schachfiguren, Götzen in Miniatur,
die zwei Jahrtausende Existenz nicht hatten ausradieren können, sie
stürmten in mein Leben herein wie neue Götter. Ach Irina, dieses
Spiel, wenn man so die extreme Übung des Geistes so nennen darf,
sog all meine Kraft auf .
Der Blick, der daran gewöhnt war, die Geschehnisse der Welt zu beobachten,
schränkte sich freiwillig auf einen engen Raum ein, auf jenen Mikrokosmos
des Konfliktes, jenes miniaturisierte Schlachtfeld des Schachbrettes.
Je weiter ich in meinem Theoriestudium fortschritt, desto mehr entfaltete
sich mein Geist wie eine Blume, die lange Zeit unter dem Eis verborgen
gewesen war. Liebe Irina, Du weißt, wie es geschieht, wenn wir von
etwas begeistert sind, dann versuchen wir, sofort alles darüber zu
erfahren und alles Andere, unsere bisherigen Interessen, die Freundschaften,
die Liebe, alles wird sekundär.
Von jenem Zeitpunkt an widmete ich meine ganze Freizeit der Lektüre
von Handbüchern und der Übung auf dem Kampffeld mit meinem Vater.
Das Ergebnis: Mit dreizehn verfügte ich über ein außergewöhnlich
trainiertes Gehirn, welches alle Rechnungsarten beherrschte.
Du kannst dir die Folgen dieser Lage wohl vorstellen, liebe Irina. Jetzt,
wo ich meine Intelligenz verdoppelt, verdreifacht, außerordentlich
vervielfacht hatte, empfand ich mich als allmächtig. Was zuvor nichts
als eine vage Ahnung meiner Überlegenheit gewesen war, fand jetzt
einen unwiderlegbaren Rückhalt: die Geistesüberlegenheit.
All das hatte zur Folge, daß ich mich noch endgültiger von
den Menschen entfernte. In nur wenigen Monaten wurde ich nahezu unbesiegbar.
Wahrscheinlich hat die Rede von meiner Unschlagbarkeit damals auch Dich
erreicht, Irina: es gab kein Schachturnier, an dem ich nicht mit Würde
teilnehmen konnte. Mein außergewöhnliches Gedächtnis,
ein Zahlengedächtnis, erlaubte es mir, mir die allerkompliziertesten
Schemata einzuprägen. Meine außerordentliche Konzentrationsfähigkeit
machte aus mir einen unbesiegbaren Gegner, weil, wie Du wahrscheinlich
weißt, beim Schachspiel der verliert, der aus Zerstreutheit Fehler
begeht.
Zu dieser Zeit geschah es, daß ich den ersten und ich würde
sagen den einzigen Freund meines Lebens kennenlernte, den einzigen, den
mein Hochmut nicht abzulehnen wagte: meinen neuen Lehrer in Französisch:
einer unter den vielen Ausländern, die sich nach dem Krieg freiwillig
auf österreichischem Boden befanden, ein vortrefflicher Schachspieler.
Du sollst wissen, Irina, daß ich mich während der Pausen in
ein dunkles Eckchen zurückzog, um mein Pausenbrot zu mir zu nehmen
. Weit weg von allen saß ich schweigsam da, den Blick immer an die
Festung geheftet. Und genau in dieser religiösen Haltung
war es, als René mich zum ersten mal sah. Er sagte zu mir etwas
auf Französisch, das ich gar nicht verstand und lief hastig weg.
Aber am folgenden Tage war er wieder da, mit einer großen Puppe
aus Marzipan. Die ließ er in meine staunend erhobenen Hände
fallen und bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, war er schon auf
dem Flur verschwunden.
Seit damals kam er jeden Tag wieder, beziehungsweise machte er es so,
daß er mir auf diese eilige und flüchtige Art und Weise erschien;
zwar gab er mir zu verstehen, daß er für mich da war, aber
gleichzeitig ohne dabei meinen Hochmut zu schüren. Und so ertappte
ich mich im Laufe weniger Tage immer öfter dabei, daß ich sehnsüchtig
und ängstlich auf die Pausenzeiten wartete, in denen ich einen weiteren
Besuch des seltsamen Fremden bekommen würde. Und einmal, als er länger
als gewöhnlich auf sich warten ließ, regte sich in mir eine
schmerzliche Ader, ein intensives Weh, etwas fast Körperliches
Aber noch bevor diese unbestimmte Regung in den Tränen gerinnen und
somit spürbar werden konnte, hatte ich sie schon zurückgedrängt,
wie einen unverzeihlichen Moment der Schwäche. Du sollst wissen,
Irina, daß ich damals das Unabhängigsein von Gefühlen
auf die Fahnen meiner kindlichen Philosophie geschrieben hatte. Man kennt
dies auch als aus der Not eine Tugend machen.
Letzen Endes konnte ich es mir diesmal leisten, mir selbst gegenüber
barmherzig zu sein. René schien mir anders als alle Anderen, die
ich bis zu diesem Zeitpunkt kennengelernt hatte. Es war das erste mal,
daß ein Erwachsener sich mir näherte, ohne von mir Namen und
Alter wissen zu wollen; es scheint, als ob die Erwachsenen an nichts Anderem
als nur daran interessiert seien. Glaubst Du nicht, Irina, daß es
schrecklich für ein Kind sein muß, immer mit anderen gleichgeschaltet
und gedemütigt zu werden, wie ein Wesen ohne Individualität,
indem es zu einem bloßen Namen und zu einer Nummer degradiert wird?
Aus Angst war ich es dann, der René mit den unvermeidlichen Fragen
bedrängte. Er antwortete mir genauso, wie ich es mir gedacht hatte:
es waren Themen, worüber es sich nicht lohnte, zu diskutieren.
Sobald wir unsere gemeinsamen Interessen entdeckt hatten, hatten unsere
ohnehin dürftigen Unterhaltungen das Schachspiel zum einzigen Inhalt.
Und das war gut so. Wenn René mit mir nur in einem freundlicheren
Ton als sonst sprach oder mich mit einem zärtlichen Blick streifte,
konnte ich die Tränen fast nicht zurückhalten. Es war ein Weinen
aus bloßer Dankbarkeit. Ich war ihm dankbar, diesem Wesen, das sich
spontan für mich zu interessieren schien, ohne Hintergründe,
wie keiner es bis zu diesem Zeitpunkt je getan hatte. Ach Irina, Du weißt,
in jenem Alter sehnt man sich doch so verzweifelt nach Zärtlichkeit!
Sobald der kurze tägliche Besuch, der immer einem barmherzigen Zugeständnis
gleichkam, sich seinem Ende näherte, versuchte ich auf alle möglichen
Arten, den Abschied hinauszuzögern. Ich schlug René die allerunglaublichsten
Schachstrategien vor. Er hingegen antwortete mit einem Lächeln, blieb
noch eine Sekunde stehen und sprach dann die Worte aus, die mir immer
so geheimnisvoll und verschlüsselt erschienen: Denk etwas weniger!,
dann streifte er mit seinen Fingerspitzen mein Gesicht und war im Flur
verschwunden, noch bevor ich mich wieder fassen konnte.
Irina, Du kannst dir nicht vorstellen, was seine Liebkosung für mich
bedeutete. Genau in jenem Augenblick, in dem jene flüchtige Berührung
geschah, begriff ich erst, daß mein Körper mir außer
Leid auch Freude bescheren konnte. Ich war Sklave dieser kaum wahrgenommenen
Hand. Ich hätte wer weiß was dafür gegeben, um sie noch
etwas länger an mich drücken zu können, um ihre Wärme
zu spüren, jene wohltuende Lauheit des menschlichen Körpers,
die ich bis zu jenem Zeitpunkt so selten gespürt hatte.
Zum Glück bot René meinen Sinnen erst gar keinen Anlaß
und vermied es sorgfältig, daß unsere Körper, sei es auch
nur durch Zufall, in intimere Berührung gerieten. Das verhinderte
zumindest, daß meine Anhänglichkeit krankhaft werden konnte.
Wer war denn dieser seltsame Franzose, der wie eine Erscheinung plötzlich
in mein Leben getreten war, der dazu imstande war, mich meiner verzweifelten
Einsamkeit zu entreißen, etwas woran sogar die engsten Verwandten
gescheitert waren? Ich, Irina, wenn ich Dir sage, daß seine Augen
wie auch die Haare von der Farbe des Heus waren und daß sein Aussehen
auf einen Ästheten, wie ich es war, eigentlich nicht die geringste
Anziehungskraft hätte ausüben sollen
Aber es lag eine
Sanftheit in diesem Blick, in der geraden Linie dieser Nase, im Lächeln
der zu großen Zähne
Ach, die Sanftheit, ist nicht eigentlich
sie das höchste Attribut des Schönen?
René war nicht neugierig. Er drang nie auf jemanden ein, er ließ
sich von keinem Ereignis aus der Ruhe bringen, auch nicht vom Allerirritierendsten.
Er war immer vernünftig und beherrscht. Es schien, als wohnte ihm
jene lichtvolle und beruhigende Ruhe inne, derer die Dinge von Natur aus
gewöhnlich entbehren. Es lag etwas Göttliches in seinen Gesten,
in seiner Art, die Welt mit Abstand und Distanz zu betrachten. Mir schien,
als stelle er sich das Universum, die menschliche Gesellschaft wie ein
riesiges Schachbrett vor, auf dem weiße und schwarze Schachfiguren
unter seinem Blicke Tag für Tag einander entgegenstanden. Jedes Wort,
jede Gebärde, jede Handlung entsprach einem einzigen und unwiderruflichen
Zug, der gründlich überlegt und erwogen werden mußte,
ehe er vollzogen wurde.
Nichtsdestotrotz sah es bei René so aus, als ob er selbst nicht
über seine eigene Zeit verfügen konnte. Er war von dem Gedanken
besessen, jede Sekunde seines Lebens mit irgend etwas ausfüllen zu
müssen. Er war nicht dazu imstande, sich selbst jene Momente sorgloser
Müßigkeit zu gönnen, welche für das Wohlbefinden
des Geistes so immens wichtig sind. Wenn ich ihn ärgern wollte, sagte
ich ihm, daß er mich an das hastige Kaninchen von Alice im Wunderland
erinnere.
Aber glaube nicht, Irina, daß René ein guter Mensch war.
Ganz im Gegenteil! Trotz der Zärtlichkeit des Blickes und der Sanftheit
der Stimme war er kalt, fremd, fast zynisch; einer jener Menschen, die
aus einem guten Grund dazu imstande sind, zu Töten. Die Fähigkeit,
konsequent zu sein, jene tugendhafte Fähigkeit, ohne die man sich
dem Elend nicht entziehen kann, fehlte ihm zwar nicht völlig, sie
entstammte jedoch eher ungeebneten Gegensätzen und ungelösten
Paradoxien, als einer folgerichtigen Moral. Vielleicht aber waren es gerade
diese seltenen Eigenschaften, die ihn mir lieb machten. Die guten Menschen,
die einfach guten, die Armen im Geiste aus der Bibel, liebe
Freundin, haben in mir immer nur ein ekeliges Völlegefühl hervorgerufen.
Um so weniger habe ich mir deshalb auch je darum Sorgen gemacht, daß
die Bosheit meiner Lieblinge sich auch irgendwann einmal gegen mich richten
könne
Und so hatte ich es diesem seltsamen Individuum zu verdanken, daß
die Schule für mich vom Gefängnis zum Zaubergarten wurde. Und
wenn ein leichtes Fieber oder irgendeine Erkältung es mir ermöglicht
hätten, zu Hause zu bleiben, bestand ich darauf, hinaus zu dürfen.
Ich wurde in kurzer Zeit vom lustlosen und apathischen Schüler, der
ich gewesen war, zu etwas, das man einen eifrigen Studenten nennt, in
gleichem Maße gut bei den Professoren angesehen, wie den Mitschülern
verhaßt. Und schon plante meine Mutter, bereit, den Groll gegen
mich hinunterzuschlucken, angesichts der wunderlichen Geschwindigkeit,
mit der ich mathematische Probleme zu lösen vermochte, meinen Erfolg
für mich, eine Zukunft als Ingenieur oder Physiker.
Es schien so, als ginge es mir endlich gut, jetzt wo ich von meinen Problemen
eine Ablenkung gefunden hatte, die stark genug war.
In Wirklichkeit, liebe Irina, war dies jedoch nur eine Art kurzer Windstille,
die um so gefährlicher war, als ich, auf die Ruhe des Meeres vertrauend,
mich dazu entschlossen hatte, die Segel zu hissen.
Tatsächlich hatte ich in der Welt des Schachspiels einen Zufluchtsort
gefunden. Die Freude am bloßen Denken, der Genuß, den man
verspürt, indem man die fast übermenschliche Wirksamkeit des
in Handlung übersetzten Gedankenganges sieht, der berauschende Geschmack
des Sieges und all die anderen kaum beschreibbaren Empfindungen, die dieses
Spiel in mir auszulösen vermochte, erfüllten mich mit einem
ungewöhnlichen Gefühl der Befriedigung. Und René war
stolz auf mich, der ich der einzige unter seinen Gegnern war, der keine
Konzentrationsfehler beging.
Das Schachspiel hatte mich zuletzt jenem, der inzwischen zu meiner großen
Überraschung auch mein Lehrer in Französisch geworden war, freundschaftlich
näher gebracht. Die Zeit der hastigen Besuche und der Puppen aus
Marzipan war vorbei: jetzt bestand zwischen René und mir eine intensive
und bewußte Verbundenheit.
In der Klasse behandelte er mich nicht anders als irgendeinen der anderen
Mitschüler, aber ab und zu machte er mich mit einem von Sanftheit
erfüllten Blick unserer heimlichen Komplizität sicher. Was mich
betrifft, ich schrieb ihm Briefe und machte ihm Geschenke, ich verbrachte
meine ganze Zeit damit, daran zu denken, wie ich ihm gefällig sein
konnte.
Mein Gott, Irina, mit welcher Nostalgie ich mich jener Momente intensivster
Glückseligkeit erinnere, die nur die Gutgläubigkeit einer noch
nicht von den Gefühlen verdorbenen Kindheit ermöglichen konnte.
Nunmehr trafen wir uns jeden Tag mehr oder weniger zufällig im Flur,
in der Klasse, vor der Mensa, und René hatte die Gewohnheit angenommen,
sich seiner Eile zum Trotz stundenlang in meiner Gesellschaft aufzuhalten.
Wir unterhielten uns über die anderen Schüler und deren Unfähigkeit,
über den ungebildeten Kollegen, über Politik, über Musik.
Mein Freund war wirklich eine Lästerzunge und ich freute mich darüber,
daß er mich auserkoren hatte, um seine böswillige Schwäche
zu enthüllen. So geschah es, daß ich die Tratscherei lieben
lernte, etwas, was ich bis damals mit etwas Verachtung für ein ausschließlich
weibliches Vergnügen gehalten hatte. Und so verweilten wir zusammen
beim Austauschen der allerungerechtesten und kleinlichsten Gedanken und
Urteile, die bereits an schlechten Geschmack grenzten, bis René,
indem er zerstreut zur Wanduhr hinblickte, bemerkte, daß es schrecklich
spät war und sich mit einer Gebärde voll von Eitelkeit verabschiedete.
Wie oft derselbe Refrain: Mon dieu, cest trop tard, il faut
que jaille. Aber von jenen abrupten Trennungen ließ
ich mich kaum betrüben, da ich so sicher war, ihn den folgenden Tag
wiederzusehen, und den Tag drauf und jeden künftigen Tag meines Lebens.
Diese Gewißheit zerstreute alle meine Zweifel an den guten Absichten
seiner etwas schlüpfrigen Haltung. Ja, weil ich von Anfang an den
Eindruck hatte, daß René mir nicht seine ganze Freundschaft
gönnen wollte, als ob ihm viel daran läge, einen gewissen Abstand
zwischen sich selbst und mir zu bewahren. Jedenfalls fiel es mir nicht
schwer, diese Tatsache zu akzeptieren: für mich, Irina, der ich gewöhnlich
von den Anderen überhaupt nichts hatte, war das, was er mir mit solch
aufrichtiger Spontaneität anbot, mehr als genug.
Nach und nach gewöhnte ich mich an jenes gemäßigte und
anspruchslose Glück, das René und das Schachspiel mir geschenkt
hatten. Ich fühlte mich so leicht, als hätte das geschmolzene
Blei meiner Seele sich durch Zauberei plötzlich in flüchtigen
Stoff verwandelt . Ich ging nicht mehr ins Schwimmbad. Ich vergaß
die Schönheit und Salzburg. Nunmehr konnte ich an der hohen Festung
vorbei gehen, ohne sie zu bemerken. Ich mußte weder in der Kabine
der Drahtseilbahn Zuflucht suchen, noch im Regen umherlaufen. Jetzt spürte
ich kaum noch den Körper und sein angeborenes Leiden
Die Zukunftspläne
entfalteten sich vor meinem Auge in Gestalt einer Vielfalt von Möglichkeiten
und ich kostete bereits von dem angenehmen Gefühl, wie die Anderen
zu sein, dieselben Freuden genießen zu können, an ihren Zerstreuungen
teilhaben, in ihre Welt hereinkommen zu dürfen
Aber bald verfinsterte sich jenes Glück bzw. jene momentane Ablenkung
von dem Leiden, die nur der unerfahrene Mund eines Jungen als Glück
bezeichnen konnte. Wärst du der Welt, würde dich die Welt lieben,
würde sie nun lieben, was ihr gehört: nun, weil du nicht der
Welt bist und davon weggelaufen bist, haßt dich die Welt.
Eines Tages hielt René ein seltsames Gespräch mit mir. Er
verhielt sich, als habe er es an jenem Morgen gar nicht eilig . Mit einem
lächelnden Gesicht, wie ich es an ihm gar nicht kannte, sagte er
mir, daß er müde sei. Er würde sich gern hingeben, er
möchte mit dem Wind hinweggefegt werden, zwischen den mit Schnee
beladenen Wolken verschwinden, sich wie ein kosmischer Nebel zerstreuen.
Sterben. Er habe alles gesehen. Alles erlebt. Das Leben mit seinen vielfältigen
Phänomenen habe seinem saturierten Willen nichts mehr anzubieten,
außer der Langeweile. Und er wolle nichts davon wissen, sich zu
langweilen. Trotz seines relativ jungen Alters sagte mir René,
er habe zu lange gelebt. Der Tod zaudere. Die Natur scheine einen Schätzungsfehler
zu begehen: Sie hätte schon seit Langem jenes alte, erschöpfte,
verfaulte Leben zurücknehmen sollen
Er sei müde. Er sei
des Lebens müde, wie man eines verbrauchten Anzuges müde sein
kann: quod si sal evanuerit, in quo salietur? ad nihilum valet ultra,
nisi ut mittatur foras, et conculcetur ab hominibus.
Wie Du dir vorstellen kannst, Irina, konnte ich kaum glauben, was meine
Ohren vernahmen. Er, der in seiner unermüdlichen Vielbeschäftigtheit
der Spiegel der Vitalität war, er, der mich von meinen Vernichtungsgedanken
abgelenkt hatte, er, der das Leben fröhlich zu leben schien, gerade
er sagte mir, daß er sterben wolle? Das Getöse der Gefühle
ließ mich allmählich aus einem Schlaf voll von Träumen
erwachen. Dann war seine, nichts als eine gut ausgedachte Vorstellung
und der, der mich in die Illusion eingetaucht hatte, nichts als ein schlauer
und den Betrug gewohnter Schauspieler. Das Lächeln der weißen
Zähne: eine Maske. Das makellose Gesicht: reine Vortäuschung.
Nichts Anderes als Lüge!
Ich war nicht dazu imstande, zu reagieren. Sein unsagbar trauriger Blick
und die abgefundene Sanftheit der Worte gingen durch meine Kehle hinunter
wie Eisstücke.
Plötzlich durchlief ein kaltes Zittern meinen Körper durch und
gerann in einem einzigen Gedanken: Wir würden zusammen sterben. Doch
zu welchem Zweck? Sofort wurde ich wieder meiner Herr und machte mich
in meinem Gedächtnis auf die Suche nach einer soliden Argumentation,
einem guten Grund, irgendeinem Vorwand, der ihn von seinen wahnsinnigen
Absichten hätte abbringen können und der ihn mir bewahren konnte,
bis sein natürliches Schicksal seinen Lauf zum Ende nahm. Mein Gott,
Irina, wie konnte gerade ich diese logische Spitzfindigkeit finden wollen,
ich, der von Anfang an nichts Anderes um mich herum gesehen hatte als
den Tod , mich über seine Schönheiten gefreut hatte, wie man
sich eines Kunstwerkes erfreut? Zudem konnte ich damals nichts als die
Wahrheit sagen: Lügen, sei es auch zu einem guten Zweck, war für
mich zu der Zeit etwas Unvorstellbares.
Über meine eigenen Wörter stolpernd, sagte ich etwas Wirres.
Ich mußte mit allen meinen Kräften versuchen, glaubhaft zu
wirken: Letzen Endes könne ihm das Leben noch Überraschungen
bereiten, es gebe das Vergnügen, den Genuß, jenes Etwas, das
ich nur vom Hören kannte, aber von dem ich wußte, es sei der
beste Gegner gegen die Langweile, es gab mich, und damit glaube ich, meinte
ich, mich ihm sinnlich anzubieten
Dann fiel das Schweigen wie ein
Eisschwert auf meine Lippen.
René lachte, fast erweicht von meinen Worten, und schwor mir, sich
mit mir zu beraten , bevor er endgültig sterben wolle.
Du kannst Dir vorstellen, Irina, in welchen Geisteszustand mich unser
Gespräch brachte. Die folgende Nacht gab ich mir Mühe, nicht
einzuschlafen. Vielleicht war ich nicht überzeugend genug gewesen.
Den Tag darauf würde ich unbedingt die Frage wieder erwähnen
und solidere Thesen vorweisen müssen
wenn es nur nicht zu spät
war
Ich erschrak bei dem Gedanken daß, während ich gemütlich
im Bett lag, er
Unsinn!
Seine Worte ertönten in meinem
Kopf wie Trauerglocken. Ich hätte ihn erreichen wollen
Als ich aus dem leichten Schlaf, der mich am Gipfel der Nacht all meinen
Anstrengungen zum Trotz ergriffen hatte, wieder erwachte, wußte
ich sofort, ein starkes Gefühl sagte es mir, daß das Unvermeidliche
bereits geschehen war. Mir blieb nichts übrig, als mich dessen mithilfe
der Vernunft zu vergewissern, bevor ich mich völlig dem Leid hingab.
René war zufällig angefahren worden. Als der Vertretungslehrer
uns die Nachricht mit Gleichgültigkeit mitteilte, als handelte es
sich um etwas völlig Unbedeutendes, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten.
Weinend rannte ich aus der Klasse weg, dann, ohne mich um die Folgen zu
kümmern, überschritt ich die Schwelle der Schule und lief zum
Krankenhaus. Ich fand ihn lachend wie immer, aber sein Gesicht war von
Narben übersät und sein Hals war eingegipst. Er habe mich schon
erwartet . Er versicherte mir, es sei nichts als ein banaler Unfall gewesen,
er habe sich nicht das Leben nehmen wollen, im Gegenteil, er sei sehr
froh, immer noch auf dieser Welt zu sein. Er hätte mich nie verraten...
Er versuchte, überzeugend zu sein, er wollte um jeden Preis, daß
ich ihm glaubte. Ich konnte vor Aufregung nicht sprechen, ich hätte
ihn umarmen wollen, ihm sagen, daß ich mich von jetzt an für
immer um ihn kümmern würde, daß ich ihn lieb habe , grenzenlos
lieb, daß ich auf ihn niemals hätte verzichten können
Ich schüttelte den Kopf und wischte die Tränen ab, die es mir
nicht gelungen war, zu halten, aber sofort stieg wieder ein Schluchzen
meinen Hals hinauf, dann ein anderes und noch eines, bis sich das würgende
Röcheln in ein haltloses Weinen verwandelte: Ich glaubte ihm nicht.
In der Tiefe meines Herzens wußte ich, daß es ein Versuch
gewesen war, sich dem Tod hinzugeben. René hatte mich verraten.
Liebe Irina, wer den Tod sucht, der kann auch den Zufall nach seinem Willen
bestimmen. Der Wunsch nach dem Tod ist dazu imstande, alle Umfälle
der Welt anzuziehen. Es lebt nur, wer leben will!
Nach dieser Episode, die mich ihm so genähert hatte dem Tod
gelingt es, eine Intimität zu schaffen, die sonst unter Menschen
undenkbar ist richtete es René paradoxerweise so ein, daß
unsere Freundschaft zerbrach. Immer noch, Irina, kann ich den Grund für
solchen Zynismus kaum begreifen. Ich verstehe nicht, warum er plötzlich
das Bedürfnis verspürte, sich von mir zu entfernen, noch dazu
auf eine solch überhastete und endgültige Weise.
Du sollst wissen, Irina, daß René und ich nach Schulschluß
immer einen Teil des Weges miteinander zurücklegten und nicht selten
hielten wir dabei am Café. Nun, nach dem Unfall verweigerte mir
René jenen Moment an Intimität, auf den ich jeden Tag mit
Ungeduld gewartet hatte, der mir die Unterrichtsstunden erträglich
gemacht hatte. Er sagte, er habe infolge einer plötzlichen Änderung
des Stundenplanes ab nun keine Gelegenheit mehr, seinen besten Freund,
den Schachlehrer, zu treffen, und die einzige Möglichkeit, mit ihm
etwas Zeit zu verbringen, sei jene, ihn nach Hause zu begleiten. Ohne
Euphemismen ließ er mich begreifen, daß Gernot ihm nun wichtiger
war als ich. Wenn ich geglaubt hatte, ich sei sein Lieblingswesen, besäße
einen Teil seiner Seele, da ich mit ihm das Mysterium des Lebens und des
Todes erforscht hatte, so irrte ich mich.
Ich brauche nicht zu sagen, daß ich mich verraten, gekränkt,
ungerecht zur Seite gelegt fühlte. Ich hätte jedoch sogar diese
riesige Entbehrung angenommen, wenn seine Bosheit, ja, weil es nichts
als Bosheit war, an diesem Punkt Halt gemacht hätte. Er jedoch hörte
auch auf, mich zu grüßen und sogar, mir in die Augen zu schauen.
Die seltenen Male, daß er mir ein Wort bzw. ein kaum vernehmbares
Seufzen gönnte, war es, um einen zynischen Spruch von sich zu geben,
zu dem einzigen Zweck ausgesprochen, mich zu verletzen.
Dennoch suchte ich weiterhin seine Nähe, und gab mir Mühe, zu
glauben, es handle sich nur um ein Mißverständnis und daß
früher oder später wieder alles wie in der Vergangenheit werden
würde. Aber René fing auch an, die Orte zu meiden, an denen
eine zufällige Begegnung möglich gewesen wäre. Ich irrte
weiter im Gefängnis der Schule umher, in der Hoffnung, ihn plötzlich
vor einer geschlossenen Tür oder an einem Treppenabsatz auftauchen
zu sehen.
Alles umsonst. Von nun an verweigerte er sich mir. Es schien, als wolle
er mich quälen. Und ich, Irina, Du kannst dir meinen Geisteszustand
vorstellen, ich fragte mich immer wieder, was ich getan hatte, um eine
derartige Veränderung in ihm auszulösen, wo ich falsch gehandelt
hatte
Schließlich gab ich auf, aber es handelte sich um ein unsagbar schmerzhaftes
Aufgeben, eines, das ich wirklich sehr teuer bezahlte.
Nein, meine liebe Freundin, ich erzähle Dir so etwas keineswegs,
um in Dir ein Mitleidsgefühl mir gegenüber zu erregen. Im Gegenteil.
Es geschieht aus einem Verlangen nach Aufrichtigkeit: Ich will Dir zeigen,
wie meine Seele zu Marmor wurde und wie, auf welchen gewundenen Wegen
Neikos mit seinen zerstreuenden Kräften über all meine guten
Absichten triumphiert hat.
So hatte ich also meinen Freund verloren. Die Illusion, die
ich mir mit solcher Mühe aufgebaut hatte, erlag dem ersten Windstoß.
Ich hegte keinen Groll ihm gegenüber. Ich war zu schwach, um jemand
anderem die Schuld an meinem Unglück geben zu können, zu ungerecht
war ich mir selbst gegenüber, um nicht die ganze Verantwortung für
das, was geschehen war, auf mich zu nehmen. Letzen Endes hatte ich bekommen,
was ich verdient hatte, es war die gerechte Strafe dafür, daß
ich mich den Gefühlen hingegeben hatte. Denn, Irina, das Glück
existiert nicht und die Liebe, ist, nicht anders als die Freundschaft,
reine Utopie. Nur ein Schwachsinniger konnte sich solchen Schwächen
hingeben.
Hoch und heilig schwor ich mir, mich nimmer mehr täuschen zu lassen:
Die Sehnsucht nach René würde der erste und einzige mir von
einem anderen menschlichen Wesen verursachte Schmerz bleiben.
Man sagt, das Leiden helfe einem, zu wachsen und stärke den Geist.
Aber wieviel mich dieses Wachsen kostete! Und ich fühlte mich um
nichts größer!
Ich, verraten, betrogen, verletzlich geworden durch ein zufälliges
Nachgeben... es war, als würden sich die mit Gewalt aufgerissenen
Tore der Welt hinter meinen Schultern mit riesigem Getöse wieder
versperren. Ohne daß ich es bemerkt hatte, war ich nun wieder mutterseelenallein,
ich war wieder, was ich immer gewesen war: eine Asymptote für die
Kurve des Leben.
Die Schule wurde mir wieder verhaßt, es gab keinen guten Grund,
sie zu besuchen. Die Mitschüler waren wieder nichts als Feinde. Die
Festung begann wieder wie früher, meinen Blick anzuziehen und die
Dinge entfalteten sich wieder vor meinen Augen in dem chaotischen Wirbel
ihrer Mischungen. Die Schönheit warf mir wieder den Fehdehandschuh
Aber diesmal war ich zu schwach, um den Kampf aufnehmen zu können.
Aufzugeben war die einzig mögliche Aussicht.
Ich hörte auf, mich zu ernähren, ich hörte auf, zu denken,
ich hörte auf, zu handeln und im Laufe von wenigen Wochen nahm mein
Aussehen die Züge des schlimmsten organischen Verfalls an: fahle
Haut, schwarze Ränder unter den Augen, ausdrucksloser glanzloser
Blick
Wahrscheinlich wirst Du dies seltsam finden, aber es war gerade Deine
Mutter, die meine Eltern davon überzeugte, mich von einem Arzt untersuchen
zu lassen. Sie, die mich aus irgendeinem geheimnisvollen Grund immer noch
mit Sympathie betrachtete, hatte als erste mein Unwohlsein bemerkt. Die
Erinnerung, die ich bis heute von ihr bewahre, zeigt sie mir mit schon
ein wenig vom Alter verhärteten Zügen, strenger Mund, nur der
Blick immer noch voll von einem Lächeln, einem Lächeln, das
schon bei einer Kleinigkeit zu einem vollen Lachen werden konnte. Sie
war so frisch, es schien, als ob bei ihr weder Kummer noch Enttäuschungen
den extremen Genuß, den die Seele ganz natürlich aus dem Leben
schöpft, mindern konnten. Ich spürte die Faszination jener Frau,
alles um sie herum schien sorglos zu lachen, als könnten die Dinge
in ihrer Anwesenheit nicht den Mut fassen, sich gegen sie zu erheben.
Sie schenkte mir ein Kaleidoskop, ein kleines Spielzeug aus afrikanischem
Elfenbein, das bald zu meiner einzigen Zerstreuung wurde. Ich verbrachte
Stunde und Stunde damit, die unvorhersehbaren wunderschönen Umstellungen
der kleinen Aquamarine zu betrachten, die mich so sehr an die Augen jener
Fee erinnerten. Vielleicht verdanke ich ihr mein Leben, ihrem Lächeln,
ihren Liebkosungen, die sie mir ab und zu bei ihren sonntäglichen
Besuchen schenkte. Ich jedenfalls war sicherlich nicht dazu imstande,
ihr zu danken, im Gegenteil , ich erwies mich sogar als ziemlich undankbar
ihr gegenüber... Schon damals war ich meiner unerwünschten Gesundheit
überdrüssig. In jenem Weltall, das ständig versuchte, mich
in seine Kämpfe zu verwickeln, unter dem Zauber der siegenden Elemente,
im Herzen des Wirbels der Materie, in jedem Universum wollte ich gar nicht
verweilen, ich hatte nicht die Kraft dazu: wer mich zurückhielt,
der war ein Feind.
Es war schließlich so, daß ich mich auch der wohltuenden Anwesenheit
Deiner Mutter entzog und in der engen Welt des Schachspiels Zuflucht fand
wie einer Isolierzelle, außerhalb jeglicher Realität.
Ach Irina, ich kann Dir versichern, nichts ist schlimmer als ein Schachrausch!
In jener Phase meiner Existenz, galten die seltenen Male, die ich mich
dazu herabließ den Mund aufzumachen, der Diskussion von Eröffnungen,
Gambit und Rochade . Ich war so daran gewöhnt, die Züge des
Gegners vorauszusehen und am schnellsten die Angriffsmöglichkeiten
zu kalkulieren, daß meine Gedanken allmählich ihre natürliche
Folgerichtigkeit verloren und ich mich nach und nach immer seltsamer ausdrückte,
indem ich mehrere logisch unentbehrliche Denkstufen übersprang. Weder
waren die Leute dazu imstande, zu verstehen, was ich sagte, noch kümmerte
ich mich darum. Es war damals, daß ich die gefährliche Gewohnheit
annahm, gegen mich selbst zu spielen und wie Du sicherlich weißt,
ist die beste Weise, sich selbst zum Wahnsinn zu bringen, daß man
seinen Geist entzwei spaltet. Nichts, nichts mehr interessierte mich,
außer das Schachspiel. Die Leute hatten an meinen Augen all ihre
menschlichen Merkmale verloren, sie waren nichts als einander entgegenstehende
Figuren. Ich konnte zwei Menschen nebeneinander nicht anschauen, ohne
dabei daran zu denken , wie sie sich hätten schlagen
können. All meine Bekannten gehörten einer Farbe an. Die Dinge,
die waren schwarz oder weiß, selbst die Gedanken waren es
Bald hörte ich auf, zu sprechen: irgendwie konnte ich mich nicht
mehr daran erinnern, wie man die Laute artikuliert. Wie gesagt, vernachlässigte
ich auch immer mehr das Essen: meine Ernährung bestand aus kleinen
Mengen an Trockenobst und Schokolade. Eine seltsame Art vorübergehender
Lähmung ergriff mich, sodaß ich mich oft vom Sessel vor dem
Schachbrett nicht ohne Hilfe erheben konnte. Doch als ob es nicht damit
noch nicht genug sei, blieben die Schachfiguren beim Abschied wie an meinen
Händen kleben, mit einem Druck, der einer Totenstarre ähnelte
und keine konnte sie mir entreißen
Als sie endlich begreifen konnten, welche die Herkunft meiner schweren
Neurose war, wollten mir meine Eltern das Schachspiel verbieten. Ach,
wie können unsere Tutoren manchmal ahnungslos und naiv sein! Sie
glaubten, mich heilen zu können, indem sie mir einfach ein Verbot
auferlegten
Nicht der Genuß des Ungehorsams, der Reiz des
Verbotenen damals kannte ich nicht den Genuß des Verbotenes-,
zwang mir zur Transgression sondern der Ernst meiner Krankheit. Ja, liebe
Irina, nunmehr war ich an den Punkt gekommen, an dem nicht ich das Schachspiel
beherrschte, sondern umgekehrt, das Schachspiel unanfechtbarabsoluter
Herr meines Wesens geworden war.
Irgendein unfähiger Arzt riet meinem Vater, zu Hause alle Schachbrettter
verschwinden zu lassen. Pfui, nicht Nutzloseres konnte er ihm raten! Die
brauchte ich doch schon lange nicht mehr! Das Diagramm war nunmehr vollkommen
in mich eingeprägt, ich konnte mir die Figuren ohne die geringste
Anstrengung vorstellen. Im Übrigen gab es immer irgendeinen skrupellosen
Spieler, der dazu bereit war, mein Laster neu anzufachen, ohne das Wissen
meiner Eltern. Nie entzog ich mich und, so wie, wie es wohlbekannt ist
, niemand vom Alkoholismus geheilt werden kann, der sich auch nur die
geringste Menge an Alkohol gönnt, so hätte ich nie vom Schachspiel
geheilt werden können, ohne das Spielen zu lassen.
Auf diese Art und Weise ging es monatelang weiter, bis eine schwere Grippe
mich von den verwickelten Strategien des Schachbretts abbrachte.
Ich hatte sehr hohes Fieber, ich delirierte, man machte sich Sorgen um
mein Leben. An diese Tage, Irina, habe ich nur eine äußerst
vage Erinnerung. Ich fühlte mich unendlich schwach und die Bilder
der Wirklichkeit tauchten vor meinen vernebelten Augen in seltsamer Art
auf, indem mir Lebewesen und Gegenstände ohne Dichte, schwebend zwischen
Sein und Nichtsein, wie Schatten erschienen. Wie es immer bei ernsten
Krankheiten geschieht, war ich absolut unfähig, die Grenzlinie zwischen
Traum und Realität zu ziehen: ich konnte die Entwürfe meines
kranken Unbewußten von den echten Wahrnehmungen der Sinne nicht
unterscheiden
Das Einzige, woran ich mich mit Sicherheit erinnere,
ist ein ständiges hin und her von Militär um mein Sterbebett
herum und eine undurchdringliche Stille. Ja, ich sah die Farben, die gewaltsam
aufbrachen, ich sah das Licht, das von den Gegenständen wegschnellte
und bunte Schatten, die über meinem Kopf schwebten, und dies alles
geschah in der allergrößten Ruhe. Während des Deliriums
fühlte ich meine Fingerspitze brennen und wenn ich meinen Blick drauf
richtete, sah sie sich in einem blaßblauen Feuer entzünden.
Ein unerträglicher Schmerz zwang mich dazu, ständig zu schreien:
wäre ich nicht durch solide Riemen ans Bett gefesselt gewesen, niemand
hätte verhindern können, daß ich mir die Hände wegbiß.
Als wäre das alles nicht genug gewesen, hatte ich den Eindruck, daß
jemand mit einem Stock auf meinen Brustkorb einschlug: ich spürte
das Holz, wie es mein Fleisch durchdrang. Traurige Glockenschläge,
schmerzhafter als die Schläge selbst, ertönten in meinem ganzen
Körper. Wie ein Foltertisch erschien mir mein Sterbbett, wo ich meine
Unfähigkeit abzubüßen hatte , wo ich für meine Niederlagen
auf dem grenzenlosen Schachbrett des Universums ein für allemal bezahlen
mußte.
Nach mehr als einem Monat ununterbrochen Leidens trat plötzlich unerwartet
die Genesung ein. Wunderlicherweise verschwand mitsamt der Krankheit auch
meine Obsession. Als ich wieder bei Bewußtsein war, bemerkte ich,
daß die bloße Vorstellung eines Diagramms ein starkes Unwohlsein
in mir auslöste. Die Schachfiguren hatten sich zurückgezogen.
Ich hatte überhaupt keine Lust mehr auf das Spiel, das war Tatsache.
Es fiel meinen ehemaligen Gegnern schwer, sich damit abzufinden, daß
sie mich nun endgültig verloren hatten, aber, wie es in diesen Fällen
oft geschieht, hatten alle mich und mein Talent in weniger als einem Jahr
völlig vergessen.
So fing die Zeit für mich an, wieder in ihrem natürlichen Bett
zu fließen: es war nicht mehr der von den Zwischenzeiten zwischen
zwei Zügen, , einem Spiel und dem nächsten skandierte Zeitlauf.
Die Zeit, die ich mithilfe des Schachbrettes so gut hatte zähmen
können, war wieder dasselbe wilde Tier von früher geworden und
jetzt schwebte sie in vollem Drohen wie ein scharfes Schwert über
meinem Hals in: die Zeit des Phänomens, die Zeit der Existenz, die
Zeit des Fließens, des Todes. Und die Rückeroberung der Naturuhr
gab mich ganz meiner Trostlosigkeit zurück: ohne das Schachspiel,
ohne seine freundliche Fürsprache, befand ich mich wieder Auge in
Auge mit der Festung, mit der Stadt, mit der Krankheit der Empfindsamkeit,
mit der Unendlichkeit.
Meine Nerven, von meinem kürzlich überstandenen Abenteuer geschwächt,
verursachten mir depressive Krisen und plötzliche Weinkrämpfe,
die weitaus ernster waren, als die meiner Kindheit. Es gab Momente, in
denen ich mich besonders empfindlich fühlte und mir alles wie von
einem anderen Licht beleuchtet erschien, als sähe ich es nicht mit
meinen eigenen Augen. Gegenstände, denen ich nie auch nur die geringste
Aufmerksamkeit geschenkt hatte, traten plötzlich vor mir auf, seltsam
faszinierend und von dunklen geheimnisvollen Bedeutungen schwanger . Die
Dinge sprachen mich an in einer Schmerzsprache, die mich auf die Knie
zwang und ich vermochte nicht zu antworten. Die vom Morgentau benetzten
Blumen schrieen mir etwas Unverständliches ins Ohr: ich starrte sie
an, verblüfft, machtlos, während ihre erschöpfende Schönheit
mit dem unhaltbaren Wirbel der Zeit hinwegrann Der Spatz, der mich von
der Höhe der Dachrinne herab anschaute, schien mir mit seinem züngelndem
Schnabel jederzeit ein furchtbares Geheimnis anvertrauen zu wollen, und
die Eidechse mit ihrem sanften Blick
Aber dann schwiegen sie und
ihr bezauberndes Schweigen ertönte in meinen Ohren wie ein Schrei.
Ich weinte und fiel in Ohnmacht, sobald ich meinen Augenlidern erlaubte,
sich zu heben. Ein immer unwiderstehlicheres Verlangen nach dem Tod bemächtigte
sich endgültig meines Geistes. Der Schmerz überschritt die höchste
Grenze. Mein Widerstand wurde immer schwächer. Ich fürchtete
mich vor den spitzen Gegenständen und vor der Höhe, ich fürchtete,
daß mir die Versuchung fatal sein könne. Eine unbestimmte Stumpfheit
hielt meine Gedanken besetzt und die Aussicht auf den Tod an der Pforte
hinderte mich daran, die Tätigkeiten zu unternehmen, die mich hätten
ablenken können.
Ach Irina, wie süß und wünschenswert mir der Tod damals
erschien. Wenn Du nur wüßtest, mit welchem Verachten ich meine
Unfähigkeit betrachtete, ihn mir selbst zu geben . Mein Leben erschien
mir so sinnlos
Im Übrigen war ich ohnedies weit von der Überzeugung
entfernt, daß meine Existenz, die Existenz im Allgemeinen etwas
Legitimes sei
Zum ersten Mal entdeckte ich in mir eine Art echter
Empörung angesichts der elenden menschlichen Lage . Aber ich war
zu faul, um jenen authentischen Instinkt, der bestimmt aus mir ein Künstler
gemacht hätte, zur Rebellion zu führen. Und dann, was bedeutete
menschliche Lage? Ich hatte viel eher den Eindruck, daß
nur meine Lage es war, die elend sei: unfähig zu sterben, aber auch,
zu leben! Letzen Endes fühlte ich mich für das ganze Universum
verantwortlich: ich war davon überzeugt, daß, wenn ich nur
meine Augen aufgeschlagen hätte, das ganze teuflische Theater der
Phänomene, der Eitelkeit mit mir verschwunden wäre und die Ruhe
endlich triumphiert hätte. Ich war davon überzeugt, daß
ich nicht nur für mein Wohl, sondern für das der ganzen Welt
sterben müsse. Ohne ein Auge, das sie betrachtet, hören die
Dinge auf, zu existieren, sie sind sofort von der Sklaverei befreit, die
sie an diese eitle Wirklichkeit fesselt. Die Unbeweglichkeit, Irina, nicht
ist erstrebenswerter, als das Aufhören der Bewegung: , Die Wurzel
allen Übels, sie liegt in der Bewegung, im unermüdlichen Anlauf,
im ständigen sich Winden, eitel wie jede Handlung!
Und dann versuchte ich, das Atmen aufzugeben. Ich blieb minutenlang unbeweglich,
bis mein Gesicht rot wurde und ich einer Ohnmacht nahe war. Aber dann,
genau, als ich endlich begann, mich hinzugeben, erkämpfte sich die
lange komprimierte Luft doch einen engen Weg durch die Lippen und ließ
neue Luft hinein in die Lungen. Nutzlos war es, die Offensichtlichkeit
zu verleugnen. Ich begehrte den Tod nicht genug, als daß ich den
tierischen Instinkt daran hindern konnte, die Bedürfnisse des allmächtigen
Lebenswillens zu befriedigen. Ich war noch nicht dazu imstande, mich für
eine der zwei gegenteilige Möglichkeiten zu entscheiden: entweder
diesen Willen durch die Suche nach dem Genuß zu verherrlichen, oder
ihn durch den Verzicht abzuleugnen: ich verweilte in jenem schrecklichen
Zustand von Nichtleben oder teilweiser Existenz, in der die einzig mögliche
Aussicht ein blitzschneller Tod zu sein scheint
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