AUF REISE NACH SALZBURG

Et alta profunditas, quis inveniet eam?

An Irina

Irina, im Voraus bitte ich dich um Verzeihung für den Verdruß, den Dir diese Seiten sicherlich verursachen werden.
Ich hoffte, mich von der Welt verabschieden zu können, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich wollte mit dem wenigsten Lärme weggehen. Wie ein Schmetterling, der sich am Ende seiner vierundzwanzig Lebensstunden langsam auf den Weg ins Verschwinden macht. In der allertiefsten Schweigsamkeit. Jener Schweigsamkeit, die immer die unwichtigen Sachen mit sich hinwegschleppt.
Unvorhersehbare Umstände zwingen mich dazu, meine Absichten zu ändern. Ich muß etwas Schriftliches hinterlassen. Ein Zeugnis. Memoiren. Einen langen Brief, der für meinen echten Wunsch bürgen kann, von dieser Erde zu verschwinden. Einen ehrlichen Rechenschaftsbericht meiner Reise in die freiwillige Vernichtung.
Nein, was Du lesen wirst, ist kein Tagebuch. Ich habe mir nie Mühe gegeben, alle Ereignisse aufzuschreiben, die mein unbedeutendes Leben konstelliert haben: ein Tag gleicht dem anderen und all unsere Handlungen sind nichts als die obsessive Wiederholung einer einzigen Geste: Leben…
Liebe Irina, ich weiß auch nicht, ob ich mir die Freiheit herausnehmen kann, Dich mit Vertrautheit anzusprechen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß meine Aufrichtigkeit Dich irritiert. Ich weiß, daß Du den zu ehrlichen Worten gegenüber Reden bevorzugst, die von irgendeiner harmlosen Lüge versüßt sind, jener Lüge, die uns der gute Menschenverstand ins Ohr flüstert. Nie habe ich diese Sitte des menschlichen Geschlechts geteilt: Jene begrenzte und sorgfältige Heuchelei, die die menschlichen Beziehungen erträglich macht und die sogar die unnachgiebigsten Moralisten gern übergehen, die habe ich nie gekannt.
Hier werde ich rauh sein. Ich will es sein. Selbst wenn das mich wahrscheinlich den kleinen Rest an Rücksicht kosten wird, die Du mir immer noch gönnst und den ich vielleicht nur unserer Verwandtschaft zu verdanken habe. Schon glaube ich, Deine vom Zorn entflammten Wangen zu sehen und Deine Lippen, zusammengepreßt, damit auch nicht die geringste Gefühlsregung durchsickern kann. Ich bezweifle auch nicht, daß Du dem Toten jene Verzeihung gönnen wirst, die Du dem Lebendigen verweigern würdest. Ja, weil das hier die Erinnerung eines Verstorbenen sein wird. Wenn Deine Hände meine Blätter halten werden, werde ich lange nicht mehr unter den Lebendigen sein.
Findest Du meine Kälte etwa abstoßend? Hältst Du mich für zynisch? Ich bitte Dich um Verzeihung: ich weiß ganz genau, daß ich Dich zu etwas zwinge, wofür Du nicht das geringste Interesse hegst und das wahrscheinlich sogar Deinen Anstoß erregt. Aber Du mußt mir zuhören. Ich wende mich an Dich, weil Du mich nie geliebt hast. Du hattest mich nicht lieb. Auch empfandest Du nicht jene laue und kaum verpflichtende Zuneigung der Schwester. Du hast mir gegenüber nie das geringste Gefühl gezeigt. Oft hast Du Dich wie eine Feindin benommen. Ich will Dich deswegen nicht tadeln, im Gegenteil: Die Tatsache, daß Du Dich von den erzwungenen Gefühlen der Verwandtschaft nicht beeinflussen ließest, kann mich nur erfreuen. Ich bin mir vollkommen dessen bewußt, daß ich keine der Liebe würdige Person bin. Was mich betrifft, ist es mir sowieso immer lieber gewesen, mich von der Sturzwelle der Gefühle nicht mitreißen zu lassen.
Das hier wird ein sehr langer Brief sein.
Kaum kennst Du mich, aber doch gut genug, um zu wissen, daß ich am Schreiben gar keine Gefälligkeit finde. Ich hasse es, meine Gedanken aufschreiben zu müssen. Man schreibt der Liebe und der Täuschung. Man erzählt seine Gefühle. Man reagiert sie auf dem Papier ab. Man weint über seine eigenen Worte und tröstet sich zwischen den Zeilen. Mein Geist ist wie ausgetrocknet. Es gibt in mir nichts, was des Schreibens würdig wäre. Vielleicht habe ich nicht einmal verdient, in der Erinnerung zu überleben.
Trotzdem, aus Stolz, um nicht mißverstanden zu werden, oder vielleicht einfach, um mich wenigstens teilweise jenem Ende zu entziehen, welches ich immer mit all meinen Kräften verfolgt habe, habe ich beschlossen, mir dieses Wortdenkmal aufzubauen, auf dem Papier wegzugehen, unter Tintentropfen und Federzeichen. Ohne Lärm. Ich werde mich nur Dir enthüllen, die Du für mein sterbliches Los nie das geringste Interesse hegtest und Dich sicherlich von jenem Gefühl - wenn man das Mitleid so nennen darf - welches mir so verhaßt ist, nicht berühren läßt.
Was ich Dir jetzt sagen werde, ist so intim, daß ich umso mehr die möglichen Verzerrungen durch die Gefühle befürchten muß. Das letzte, was ich mir wünsche, ist, mich Dir durch eine Glaslinse zu zeigen. So schwer fällt es mir, mich zu entblößen, ich will nicht, daß meine Anstrengung von der Luftspiegelung der Illusion vereitelt wird.
Als ich Salzburg verließ – Du hattest kurz zuvor Andrea kennengelernt – war ich kaum über zwanzig. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was mich zu diesem Entschluß veranlaßte, ich glaube nicht, daß es dafür einen genauen Grund gab. Eines weiß ich: Plötzlich wurde das Verlangen, wegzugehen so intensiv und zwingend, daß ich mich für die Abreise entscheiden mußte. Aber es war keine von den zahmen Abreisen, die uns dem Anschein zum Trotz wie nie zuvor unseren Wurzeln verbunden halten. Nein Irina, ich wollte alle Bindungen hinter mir abschneiden, ich wollte ohne Garantie abreisen, ohne die geringste Erwartung, wie ein junger Vogel, der, ohne zu wissen, ob er schon kräftige Flügel besitzt, nicht zögert, sich vom Nest hinunter zu stürzen.
Es ist, daß mir damals die Abreise als die einzig mögliche Lösung erschien.
Aber glaube nicht, daß sich hinter meiner plötzlichen Reiselust eine geistige Öffnung oder ein unwiderstehliches Verlangen nach Größe, Vermehrung oder Zuwachs verbarg. Es ist wahr: Reisen ist wie die Arme auszustrecken, um unermeßliche Räume umfassen zu können, in einer Art großzügiger Besitznahme jener Güter, die die Natur unseren begrenzten Existenzen nicht freiwillig gönnt.
In meinem Fall, Irina, handelte es sich nicht um ein Streben nach Wissen, nicht um ein Sehnen nach Freiheit. Meine Abreise glich eher einer elenden Ausflucht, einem Vorwand.
Es ist, daß ich keine andere Wahl hatte: Wie bei einem Gläubiger, mit dem man es in die Länge zieht, der Tod drängte mich, indem er mich an jeder Ecke überraschte, mit seinen verdeckten Angriffen und seinen verzaubernden Verlockungen.
Um zu überleben, mußte ich fliehen, von allen und allem Abstand nehmen, eine zu lange Vergangenheit ausradieren, so tun, als ob ich nie etwas gesehen oder gekannt hätte, mit einem Bocksprung das unerträgliche Gewicht abschütteln, das sich auf meinen Schultern in zwanzig Jahren ununterbrochener Auslieferung an das Leid angehäuft hatte. Um mich endlich in den Strom hineinzuwerfen…
Wahrscheinlich fragst Du Dich jetzt, wie ich zu diesem Saturationsniveau gekommen war. Nun, ich selber kann darauf keine genaue Antwort geben. Eine angeborene Neigung des Geistes? Traurige Umstände? Die übertriebene Strenge unserer österreichischen Erziehung? Ich weiß nur, daß, immer schon, am Abend, wenn ich über meine Augen die eiskalte Decke des Blickes ziehe und der Finsternis erlaube, meiner Herr zu werden, etwas in den tiefsten Tiefen meiner Seele sich schmerzlich windet. Eine innere Stimme. Der stumme Schmerz spricht mich an: „Du bist nicht, du lebst nicht, du bist schon tot.“ Ein unerklärliches Unwohlsein, das mich schon seit den ersten Lebensjahren begleitet. Eine Art Langeweile, ein absoluter Mangel an Antrieb, eine Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber, die mit der Zeit sich verschlimmert hat.
Meine Kindheit war wohl weit entfernt von der unbekümmerten Sorglosigkeit, die die dummen Erwachsenen glauben, dem jungen Leben zuschreiben zu können: iam enim securis ad radicem arborum posita est!
Die Ironie und die Brillanz der Konversation, die ich wie Du unserem Vater verdanke, konnten meine traurige Resignation leicht als Befriedigung erscheinen lassen.
Viele ließen sich dermaßen von meiner äußerlichen Haltung täuschen, daß sie mir sogar jene Mischung aus Naivität und positiver Energie, die gewöhnlich als ‘Lebenslust’ bezeichnet wird, zuschrieben. Nichts konnte mir damals ferner sein.
Als Kind war ich so gut in meinen Darstellungen, daß ich sogar den vortrefflichen Schularzt täuschen konnte. Vielleicht erinnerst Du Dich immer noch an jenen Riesenmann mit dem ausgefransten Bart, der uns kalte Duschen anstelle von Medikamenten verschrieb…
Jedoch, je mehr mich dies Unwohlsein von innen her fraß, desto mehr erschien ich äußerlich als sorgenfrei und leichtgesonnen.
Mein hysterisches Lachen wurde mit einem Ausbruch von Glücksgefühlen verwechselt. Ebenso das plötzliche Weinen. Emotional, sie beschrieben mich als emotionales Kind. Sie benutzten dieses sinnlose Wort als eine verschleierte Beleidigung: Ich frage mich, zu welch furchtbarem Ausdruck sie gegriffen hätten, wenn sie nur mein Inneres hätten sehen können!
Nach und nach geschah es also, daß unsere strenge, auf Gefühlsunterdrückung abzielende Erziehung einen unbewußten Verteidigungssinn sich in mir entwickeln ließ. Etwas, das jedoch anders war, als die angeborene Heuchelei unserer Leute, jene lächerliche Maskerade, die uns immer lächelnd macht und die uns Höflichkeitsformeln und Sitten von einer fast japanischen Freundlichkeit auferlegt. Bei mir ging es noch weiter: Die Maske hatte sich an mein Gesicht geheftet wie eine zweite Haut und ich war nicht mehr dazu imstande, sie abzuheben, auch nicht, wenn ich mich allein vor mir selbst befand.
Ich lebte in einem kontinuierlichen Depressionszustand, einer Depression, die im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden ist und mich oft zu seiltänzerischen Akten des Suchens nach Ablenkungen aller Art gezwungen hat.
Schon im grünen Alter hatte ich eine gewisse Neigung zur Hypochondrie gezeigt. Der Imperativ aber, meine inneren Haltungen nicht zu äußern, hatte die Furcht vor Krankheiten in ein krampfhaftes Streben nach der vollkommenen körperlichen Gesundheit umgewandelt.
Mit einem übertrieben strengen Sporttraining hatte ich die Physiognomie meines dünnen Körpers gründlich verändert. Ich verbrachte Stunden in der Schwimmhalle. Wahrscheinlich erinnerst Du Dich daran, da ich oft glaubte, das leuchtende Grün deiner Augen unter der vom Beschlag getrübten Brille zu erkennen. Und es war da, in der unendlichen eintönigen Wiederholung der Beinstöße, in der ich die körperliche Mühe ganz ignorierte, daß sich meine Denktätigkeit total ausschaltete und mein Geist endlich zum Schweigen kam. Ein paar Längen nacheinander genügten und ich verlor ganz den Sinn für Zeit und Bewegung. Und dann glaubte ich, mich in dem Nichts ausruhen zu können, als sei ich in einen traumlosen Schlaf versunken. Mit offenen Augen.
Die Folgen jener Momente von Vernichtung wurden erst spürbar, als ich endlich aus dem Wasser herauskam, dem freundlichen Element, das, meiner Sorglosigkeit zum Trotz, darauf beharrte, einen toten Körper zu stützen. Absolut außer Kräften ließ ich mich auf den Boden hin, wo immer auch ich mich gerade befand, als hätte mich eine Art Lethargie ergriffen, blieb ich da, wie eingeschlafen. Die Leute, die angesichts eines Leichnams immer sehr furchtsam reagieren, fühlten sich anfangs dazu gezwungen, ein gewisses Interesse zu zeigen, auch für jenen Körper, der bald seine vollkommene Gesundheit erweisen sollte. Aber schon nach kurzer Zeit blieben die häufigen Ohnmächte, die sich nie als eine ernsthafte Krankheit entpuppten, vollkommen unbeachtet. Die Leute lieben die Tragödie: Ein von einem ständig verschobenen Schlußakt in die Länge gezogenes Drama wird als langweilig betrachtet. War am Anfang immer irgend jemand dazu bereit, mich aus meiner Gefühllosigkeit aufzuwecken und wieder ins Bewußtsein zurückzuholen, hatten alle, die mich kannten, nach und nach gelernt, mich zu ignorieren, in der leichten Überzeugung, daß ihre Indifferenz mich von meiner Extravaganz heilen könne. Eitle Hoffnung, Irina, nichts und niemand war dazu imstande, mich vor mir selbst zu retten.
Das endlose Laufen, das übertriebene Gewichtheben und die unendlichen Promenaden waren das Mittel zum Abtöten des Körpers, nicht jenes zur Suche nach seinem Wohlbefinden, wie ich zu glauben vorgab.
Die Lüge hat meine Existenz beherrscht. Dieselbe verhaßte Lüge, auf der unsere heuchlerische Nation beruht.
Der Selbstmord unseres Vaters, so unerwartet und unvorhersehbar, bezeichnete endgültig das Ende meiner Illusion von irgendeiner künftigen Rettung. Es war, als sei ein Schleier aus dichtem Nebel plötzlich vor meinen Augen zerrissen: Die Hoffnung war nicht mehr da, und mit ihr auch ich selber nicht.
Ich weiß nicht, was Du empfunden hast, welche Deine Regungen gegenüber jener unwiderruflichen Katastrophe waren. Was mich betrifft, seit jenem Tag habe ich mein Vertrauen in die blinden Verwandtschaftsbande verloren, die sich mir als noch illusorischer und unehrlicher als die gewählten Bindungen offenbart hatten.
Mein Vater, besser gesagt, was in der Erinnerung von ihm übrigblieb, wurde zum Feind. Nicht die Tatsache des Selbstmordes an sich brachte mich durcheinander. Schon zuvor hatte ich mir sehr nahestehende Leute auf dieselbe Art und Weise verloren. Auch war die spöttische Art, die er gewählt hatte, um wegzugehen, nicht die Ursache meines Grolls. Erinnerst Du Dich, Irina? Man mußte ihm zwei Nähte mit Eisendraht setzen, um seinem Gesicht jenes schreckliche Grinsen zu nehmen. Meine Empörung war eher eine Art verheimlichter Neid. Er war weggegangen, während ich immer noch dablieb, allein, harmlos, plötzlich jeder Möglichkeit beraubt, in Zukunft das bescheidene Gärtchen der Hoffnung bebauen zu können, das nicht selten den Menschen ein gutes durchschnittliches Leben ohne großes Leid ermöglicht…
Ich fühlte mich von meinem Vater verraten und betrogen. Er durfte mich nicht einfach verlassen, nachdem er mich gegen meinen Willen zum Abenteuer des Lebens gezwungen hatte. Ich haßte ihn, einfach da er mein Vater war, ein Verbrecher, wie alle Leute, die Nachkommen zu zeugen wagen: Einmal geboren, wollen sie leben, und das heißt: Todeslose haben; und sie hinterlassen Kinder, damit neue Todeslose geboren werden. Ich haßte ihn noch vielmehr dafür, daß er so entartet gewesen war, nicht auch mir das Leben zu nehmen: die einzige Handlung, die ihn von seinem Zeugungsverbrechen hätte erlösen können.
Daß meine Mutter ihm nicht gefolgt war, war mir gleichgültig. Ich habe sie nie als meiner Sympathie würdig erachtet. Immer noch kann ich die Tatsache nicht ernsthaft in Betracht ziehen, daß sie irgendeine Verbindung mit mir haben könne… daß mein Fleisch, wie eine Larve im Mist, sich von dem ihren ernährt hat, daß es es verbraucht, aufgesogen, aufgefressen hat…
Siehst Du, was für eine geringe Bedeutung die Familienbande haben können und welche unangenehmen Gleichnisse sie in meinem Geist auslösen!
Meine legitimen Geschwister, Ulrike, Josef, Johanna und Lilian verhielten sich mir gegenüber wie vollkommen Fremde und auch ich konnte für ihre mittelmäßigen Leben nicht die geringste Regung hegen. Du, mit Deiner geheimnisvollen Herkunft und Deinen grünen undurchdringlichen Augen, warst so anders als Deine Altersgenossinnen, Du bist die einzige, für die ich ein gewisses Interesse hegte. Im übrigen, wäre ich ein weltverlorenes Waisenkind gewesen, hätte ich mich auch nicht unglücklicher gefühlt.
Alle erwarteten von mir große Dinge.
Kaum war ich zehn, schon sprach meine Mutter zu mir von den Kindern, die ich zeugen würde und von ihren Namen. Kinder: schon das einfache Aussprechen dieses Wortes konnte in mir ein Schauderzittern auslösen. Ich würde eine Frau zu meinen Diensten haben und, wenn das Glück der Nachkommenschaft mir hold war, eine Schar von Knaben zur Befehligung. Ich würde ein berühmter Rechtsanwalt werden, reich und hoch angesehen in der Gesellschaft, mit einer unaussterblichen Nachkommenschaft.
Ekelhaft.
Die Verachtung meiner Mutter gegenüber und die Gleichgültigkeit der Zukunft gegenüber wuchsen mit zunehmendem Alter und ich unterdrückte sie mit unerhörter Gewalt.
In der Schule, jenem grauen und schlecht beleuchteten Gebäude, das von Nahem wahrlich einem Gefängnis ähnelte, langweilte ich mich nur. Neben dem Fenster sitzend, zählte ich die sich kräuselnden Wellen der Salzach und durch das Gitter meiner Zelle beobachtete ich die Leute, die über die Brücke gingen. Manchmal sah ich ganze Regimente von Familien. Wie oft wirst Du auch einen gelangweilten Blick über jene fremde Menge hingeworfen haben? Ich erinnere mich an einen Familienvater: Straff und stolz auf seinem Fahrrad sitzend, führte er seine Familie bei der Spazierfahrt an wie ein Kapitän der Infanterie. In respektvoller Entfernung folgten ihm das Weib und seine neun Kinder. Obwohl sich das Weib die allergrößte Mühe gab, konnte es mit ihm nicht Schritt halten. Die Kinder mußten all ihre Kräfte aufwenden, um nicht zurückzubleiben. Er wandte sich nie um, um zu prüfen, ob alles in Ordnung war. Er fuhr steif weiter, ohne langsamer zu werden. Er sehnte sich geradezu danach, den Fall seines Heeres mitanzuschauen, er, ihres Endes gierig… In mir regten sich Haßgefühle gegen jenen grausamen Mann und jenes gehorsame Weib: Opfer und Henker, durch die Qual verbunden, im Leiden unauflösbar miteinander verschmolzen, die Ehe… Trotzdem, sagte ich mir, würde auch ich irgendwann meine Schar führen, mit demselben Stolz, mit derselben Strenge, mit derselben grausamen Befriedigung. Dann würden mich alle grüßen und beneiden. Das ist der Lebenszweck: die Familie beim Spazierengehen anzuführen, zum Leiden zu zwingen, zu zerstören: so muß es sein, und es ist schön, daß es so ist…
Ich überzeugte mich selbst von der Gerechtigkeit dieser Weltordnung und hieß die natürlichen Haß und- Verachtungsgefühle schweigen.
Ach, wie gerne ich zusammen mit dem Leben geflossen wäre, Irina, frei, ohne Sorgen um die Zukunft, ohne die Schwere der Vergangenheit… Gott, meine Freundin, hätte ich in jenen Jahren nur einen Meister gehabt, der von mir den Staub unseres dummen Konformismus hätte blasen können! Nein, im Gegenteil konnten sich die unmenschlichen Regeln, die Dogmen, die kleinbürgerlichen Gewißheiten, die Vorurteile auf meiner Haut kristallisieren, in der Gestalt einer unzerbrechlichen Hülle, die mich immer noch gefangen hält. Leben, Irina, das echte Leben war um mich herum, warm wie ein sprühendes Meer und ich, ich, durch jene harte Schale, spürte es nicht: quam angusta porta, et arcta via est, quae ducit ad vitam: et pauci sunt qui inveniunt eam!
Ab und zu warf ich einen Blick auf meine unbedeutenden Schulkameradinnen (wie anders Du mir damals erschienst!), so bildete ich mir ein, ich ginge mit jeder einzelnen von ihnen Arm in Arm an der Salzach entlang spazieren. Welche würde ich knechten und zur Sklavin machen? Jene, die gerade auf ein Taschentuch eine Rose stickte, oder jene, die schweigsam, der Nachbarin schmollend, dasaß? Aber dann fragte ich mich, warum ich überhaupt ein solch nutzloses Wesen, wie ein Weib hätte heiraten sollen...
Von neuem versuchte ich, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Meine widerspenstigen Gedanken hingegen flohen weg, wie von einem unsichtbaren Wind verstreut. Vor meinen Augen gerann das Bild der Festung mit der an ihrem Haupt haftenden Wolkenausstattung, die Farbe von verbrannter Erde, der widerliche Geruch des Getriebes der Drahtseilbahn.
Außer mir beizubringen, die Bibel wie ein Exegeter zu lesen (immer noch kann ich es nicht lassen, meine Äußerungen mit Bibelzitaten vollzustopfen) lehrte man mich zur Schule, wie ich eine Bilanz halten konnte, als sei es mein Schicksal, Schillinge anzuhäufen und zu zählen. Ich würde die Dienerschaft bezahlen müssen, die Arbeiter, ich würde dem Weib das Geld für den Einkauf geben, ein paar Schillinge pro Jahr für seine Kleider und für die der Kinder. Das Haus dann, es kostete gar nicht viel. Mit einem kräftigen Weib und zur Hausarbeit erzogenen Kindern würde eine Bedienerin mehr als genug sein. Aber das Haus mußte groß sein. Für die Gäste. Es ist nur der Gäste wegen, daß man große Häuser baut, ansonsten könnte man ruhig in einer Hütte leben…
Obwohl unsere finanzielle Lage nicht immer bestens war, gelang meinem Vater jedes Jahr zu meinem Geburtstag, mir eine kleine Geldsumme zu schenken. Bevor ich einschlief, saß ich still und betrachtete jenes wunderliche Papierstück, das mir etwas Angenehmes verschaffen konnte: eine Schiffsrundfahrt, ein Puppenspiel, ein bißchen Marzipan, eine ganze Torte oder mehr, eine neue Lokomotive für meine Modelleisenbahn. Mit jenem Geld konnte ich mir einige Momente aus dem Leben eines Händlers erkaufen. Ich hatte damit, wenn auch nur für kurze Zeit, eine gewisse Macht über einen Erwachsenen, jene Achtung, die einem Kind normalerweise verweigert wird. Oder ich konnte die Banknote einfach in die Salzach hineinwerfen, nachdem ich sie in winzige Stücke zerrissen hatte, um des reinen Zerstörens Willen… Ich weiß, Du denkst, daß solche verrückten Überlegungen nicht zu einem Kind jenes Alters passen, trotzdem sind sie die meinen, ich hätte keinen Grund zu lügen.
Jedenfalls geriet das Sümmchen immer in die Hände meiner Mutter, noch bevor ich irgendeine Entscheidung über sein Schicksal hätte treffen können.
Einst bekam ich zwanzig Schilling von einem Onkel aus Amerika, der noch nicht von dieser Krankheit aus Übersee angesteckt worden war, vom Geiz, meine ich. Diesmal dauerte mein Zögern nur wenige Augenblicke. Sofort faßte ich den Entschluß, jenes Geld in winzige Fetzen zu zerreißen. Es gab keine Austauschware. Die neue Bäckerin war mir verhaßt, das Puppentheater war geschlossen, das schlechte Wetter schloß jede Möglichkeit einer Schiffahrt aus. Vor allem wollte ich nicht, daß das Geld an meine Mutter geriet.
So verwandelte ich die Banknote in einen unförmigen Brei und ohne die geringste Reue mischte ich das Ergebnis meines alchemischen Werkes unter die Erde eines Blumentopfes.
Am folgenden Tag, als meine Mutter kam, um das Geld bei mir zu suchen, sagte ich ihr, mit einem Stolz, der auf einem Kindergesicht schwer vorstellbar ist, ich habe daraus Dünger für die Blumen gemacht. Sie bestand darauf, daß ich ihr die Wahrheit sagte. Ich jedoch konnte nur meine Erzählung bestätigen und stellte ihr den untrüglichen Beweis meiner Missetat vor: ein dünnes Fragment Filigran. Mein Gott, Irina, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie übermäßig ihre Reaktion war. Sie fing mit einem kaum hörbaren Schluchzen an, etwas dem Röcheln eines Sterbenden Ähnliches, dann vergrub sie die Hände in ihren Haaren und begann, ihren Kopf zu bewegen, hinauf und hinunter, immer schneller, wie ein tödlich getroffenes Tier, das sich von dem schmerzenden Pfeil nicht befreien kann. Dann richtete sich ihre Wut gegen mich. Die erste Ohrfeige verursachte mir eine Blutung, die folgenden bewirkten eine Ohnmacht. Es war das erste mal, Irina, daß ich meine Mutter bemerkte und es war ihr Haß, der sie für meine Augen sichtbar machte. Jene Frau haßte mich. Hätte sie nicht die Folgen befürchtet, sie hätte mich umgebracht. Für eine Handvoll Groschen. Sie wollte sie, um sich neue Strümpfe kaufen zu können, ein Band für die Haare, eine Dose Puder oder weiß Gott was von dem eitlen Weibertand. Gab ihr mein Vater nicht genug? Als ob Speis und Trank, ein Bett zum Schlafen nicht genug wären…
Ich haßte sie ebenfalls. Siehst Du, wie trüb manchmal die Beziehung zu den Eltern sein kann? Zuneigung zur eigenen Mutter zu hegen, könnte einem wie die allernatürlichste Sache der Welt erscheinen… Ich haßte sie, wie man nur eine tief verachtete Person hassen kann. Warum sich schön machen? Für wen? Für seinen Gefängniswärter? Welcher Unterschied bestehet denn zwischen ihr und einer Hündin, die das Fell beim Anblick ihres Herren glättet? Was war sie mehr als eine demütigte Bestie?
Oh, elendes Leben der Frauen! Ich gönne mir diese Aufrichtigkeit, Irina, da ich weiß, daß Du anders bist. Ich weiß darüber Bescheid, daß es Dir gelungen ist, wenigstens zum Teil, Dich dem traurigen Schicksal Deiner Genossinnen zu entziehen, indem Du Dir eine Existenz aufgebaut hast, die von Nahem betrachtet der eines Mannes ähnelt. Und wie sonst? Es ist traurig, seine eigene Natur entarten lassen zu müssen für eine Handvoll mehr Freiheit… Ist schon der Mann eine mißlungene Imitation, kann die Frau nur die Imitation der Imitation sein…
Aber es liegt mir am Herzen, Dir das Ende dieser Episode zu erzählen, da dies Dir die Möglichkeit geben wird, den Vater, den wir teilen und für den Du vielleicht immer noch eine heimliche Bewunderung hegst, besser kennenzulernen.
Ich sagte Dir, daß ich in Ohnmacht gefallen war und aus der Nase blutete. Also, meine Mutter glaubte zu diesem Zeitpunkt, sie habe etwas Unwiderrufliches getan. Sie lief ins Wohnzimmer, wo alle gespannt den amerikanischen Erzählungen des Onkels folgten. Echte Besorgnis zeigend, sagte sie, ich habe mir den Kopf gestoßen habe und schiene ihr nun wie tot. In Wirklichkeit, wäre sie nicht vollkommen davon überzeugt gewesen, mich umgebracht zu haben, hätte sie sich wohl davor gehütet, Hilfe zu holen.
Aber zu ihrem Unglück war ich lebendig, lebendiger sogar als je zuvor und schon wieder bei Bewußtsein, als die anderen ins Zimmer hereinstürmten und mich blutend auf dem Boden vorfanden. Unter Tränen bestritt ich, mich zufällig verletzt zu haben und erzählte, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte. Mein Wort stand gegen das meiner Mutter. Das Wort eines Kindes gegen das eines Weibes. Kein Zögern. Mein Vater nahm, mit der schweigenden Einwilligung meines Onkels, vom Kamin einen kräftigen Zweig und vor allen Anwesenden…
Niemand gab sich Mühe, dazwischenzutreten. Niemand verhinderte, daß der ehrenwerte Herr Winkler die Unversehrtheit jenes jungen Körpers zerstörte, jene makellose Haut… Es gibt keinen Richter für eine frevlerische Mutter! Niemand zeigte die geringste Betrübnis angesichts jener unerhörten, unmäßigen, unhaltbaren Gewalt des Henkers… Seit der Zeit der Inquisition, seit der Zeit der großen Feuertode, hat sich dem Anschein zum Trotz nichts geändert…
Das Schicksal wollte, daß meine Mutter überlebte (ach, was hätte sie alles gegeben für einen Märtyrertod!), aber die Schönheit erlebte bei ihr eine bedauernswerte Niederlage und der Körper hörte auf, ihr zu dienen, wie es angemessen ist. Seit damals hat das rechte Bein sie nicht mehr gestützt: der Stock, den sie immer bei sich hat, jetzt weißt Du es, ist nicht die Folge eines Skiunfalles…
Es ist überflüssig, Dir zu sagen, daß meine Mutter mir ihre Behinderung nie verziehen hat. Du weißt, was ein unvollkommener Körper, ein wackeliger Gang für eine Frau bedeuten: sie ist nichts mehr wert, sie gilt weniger als eine elende abstoßende Alte. Irgend jemandem mußte sie die Verantwortung für ihr Verderben zuschreiben können. Einen anderen zu beschuldigen, hilft gar nicht, sich besser zu fühlen. In diesen Fällen wirkt nur ein wilder Haß gegen einen anderen Menschen als befreiend. Und da der Herr Gatte so gut ist…
Ja, Irina, er ist so gut gewesen, daß er damals sie, die immer noch ein Kind war, einem Vater entrissen hatte, der zu ihr zärtlich und liebvoll gewesen war wie die beste Mutter, und wie alle alten Menschen großzügig... Der einzige Makel an der fast göttlichen Rechtschaffenheit Herrn Martin Petrils war das Spiellaster gewesen. Die Tochter, ein zierliches Mädchen mit lockigen goldenen Haaren, hat er praktisch beim Kartenspielen verloren. Es war am Abend vor der Niederlage gewesen, als das Los des Krieges schon bestimmt war und er sich mit seinem Regiment auf den Weg zur Front machte, dem sicheren Tode entgegen. Was hatte er zu verlieren? Selbst wenn er beim Spiel nicht gewinnen würde, würde niemand zu ihm kommen, um etwas von ihm zurückzuverlangen: seine Kameraden, er selbst, sie alle waren faktisch schon totes Fleisch…
Dagegen bewirkte aber dann das plötzliche Ende der Feindseligkeiten, das Ende des Krieges, daß jene Tode verschoben wurden und daß einer der eben noch Verurteilten verlangte, seinen Gewinn ausgehändigt zu bekommen…
Martin Petril kehrte nie nach Hause zurück. Ich weiß nicht, Irina, ob er sich selbst das Leben nahm, oder ob er wirklich während des Rückzug aus Versehen von einem Kameraden erschossen worden war, wie man meiner Mutter mitteilte. Der Herr Winkler zweifelte keine Sekunde daran, ob er nun seine Kriegstrophäe holen sollte: er ging zu meiner Mutter und sagte ihr nur, es sei der letzte Wille des Leutnant Petril gewesen, ‘sie standesgemäß unterzubringen.’
Weder stellte sie Fragen, noch verschwendete sie damit Zeit, das Schicksal ihres Vaters zu beklagen, überdies war sie stolz darauf, einen eigenen Mann gefunden zu haben, ein Haus, über das sie herrschen, Kinder, derer sie sich rühmen konnte… Jetzt konnte sie, ja mußte sie vollkommen glücklich sein, jetzt, da sie den Ring genommen hatte, jenes von den Weibern so angestrebte Joch.
Aber als wie brutal und anmaßend sich ihr zweiter Tutor erwies, welch ungerechte Gewalt ihr der Name Gattin einbrachte! Liebe? Nie erhaschte ich in den Blicken meiner Eltern so etwas wie Liebe! Für den Vater war meine Mutter eine Sache, ein Ding ohne Bedeutung, ein weiterer Bestandteil seines Besitzes und sonst nichts! Und sie fand das alles natürlich, selbstverständlich: sie hatte nichts dagegen, als Bestie betrachtet zu werden. Nie auch nur ein Wort, nie eine Geste der Rebellion…
Ach Irina, wenn Du nur wüßtest, was es mich kostet, etwas derartiges sagen zu müssen: es ist schrecklich, daß ein etwas höherer Grad an Bewußtsein uns dazu zwingt, unsere eigene Mutter zu verachten! Ich frage mich, warum ich die starke instinktive, fast tierische Bindung nicht spüre, jene Verbundenheit, die daher rührt, daß wir einst im Körper einer Frau gelebt haben, von ihr die erste Nahrung bekommen haben, die ersten Blicke, von ihr die ersten Wörter gelernt haben…
Aber es ist nicht nötig, daß ich Dir so viel von meiner Mutter erzähle. Was ich will, ist, daß Du eine Idee von der Person bekommst die ich damals war, von jener Person, der Du flüchtig auf dem Schulflur begegnetest und die Du als für einer Begrüßung unwürdig erachtetest.
Damals war ich krank, Irina, sehr krank, ich litt an einer Krankheit ohne Namen, die mich von innen her zerfraß und von der nur ich allein wußte. Niemand konnte mich je überzeugen. Das menschliche Leben, meine Freundin, ist ein ununterbrochenes Suchen, ein verzweifeltes Suchen, ein Suchen nach etwas, von dem man nicht weiß, was es ist. Unser Schicksal ist Frustration, denn welches Ziel auch immer wir erreichen mögen, es bringt uns keine Befriedigung und wird sofort wieder bedeutungslos. Innerhalb meines Lebens, Irina, da ist ein Riesenloch, entsetzlich und unvorstellbar tief: ich werfe ständig alle Arten von Dingen hinein, aber ich sehe sie nacheinander darin verschwinden, ohne daß sie Spuren hinterlassen. Ich konnte dieses Loch noch nie füllen, im Gegenteil: das Leben, wenn man so meine Vergangenheit nennen darf, hat bewirkt, daß es unaufhaltsam immer größer und breiter wurde, daß es meine Glieder zu verschlingen begann… Und für meine kindliche Phantasie war etwas Bestimmtes die Verkörperung des Unerreichbaren: die Festung.
Mitten in der Nacht entriß mich ein unwiderstehlicher Instinkt dem ruhigen Schlafe eines noch nicht von der Reue saturierten Gewissens, wie es meines damals war. Ich sperrte die Augen weit auf und fand vor mir die Festung, wie sie, von Fackeln beleuchtet, herrlich, stolz, lebendig, wie ein Berg aussah. Jenes Gebäude war einem Tempel ähnlich: der Wohnung einer grausamen opfergierigen Gottheit. Nachts mußte ich niederknien, wie ein Schlafwandler, vor dem sperrangelweit geöffneten Fenster, vor der Festung, um ihr meine Gebete anzuvertrauen. Und wenn der Schlaf mich endlich besiegte, dann erschien die Festung in meinen Träumen.
Dieses düstere Bauwerk war für mich zu einer Art Obsession geworden. Ich glaubte, seinen Ruf hören zu können. Es war diese Stimme, jene Meerjungfrauenstimme, die mich der kindlichen Ruhe entriß: ‘Du bist nicht, du lebst nicht, du bist schon tot’. Ich begehrte etwas Ungewisses, etwas Grenzenloses und brannte vor Sehnsucht nach etwas, von dem ich selbst nicht zu wissen vermochte, was es war, während die angeborene Krankheit meines Willens immer mehr um sich griff .
Es reichte schon, daß ich kaum das Fenster aufmachte, daß eine Sturzwelle von Regungen mich völlig berausche. Das rhythmische Ticken der Tropfen und das Schweigen der Berge, das jede Erinnerung an das Leben von untertags zerstreuen konnte, der Geruch des Regens und der Duft der nassen Erde, die stechende Kälte und die leeren von einem weinerlichen Licht kaum erhellten Straßen: Salzburg ist so unerträglich schön! Meine unreifen Sinne spannten sich wie die Segel eines vom Sturm ergriffenen Bootes. Zu schwach war ich für all dies.
Ach Irina, ich litt: et suspiciet sursum, et ad terram intuebitur, et ecce tribulatio et tenebrae, dissolutio et angustia... Übrigens ist niemand dazu imstande, den Schiffbruch zu überleben. Tödlich ist Salzburg, wie es auch die pure Schönheit ist. Wir Menschen sind daran gewöhnt, die Schönheit nur in kleinen Schlucken zu kosten. Eine Stadt wie Salzburg ist Gift.
Die Festung war die Verkörperung meines seltsamen Unwohlseins, meines außergewöhnlich frühreifen Bewußtseins. Hätte ich nur gekonnt, ich hätte jenen unerträglichen Wärter meines Lebens, der mir die Ruhe und die Lebensenergie der Kindheit entzog, niedergerissen.
Am Tage, indem ich mich anderen Tätigkeiten widmete, konnte ich das Entzücken lindern, es gelang mir sogar manchmal, die Festung für einige Momente aus meinen Gedanken zu verbannen.
Am Sonntag gehen die gutbürgerlichen Familien mit ihren Kindern auf der Terrasse spazieren: nicht selten bin ich Dir, am Arm deiner wunderschönen Mutter, entlang den Pfaden des Mönchsbergs begegnet. Ich betrachtete Dich mit Staunen, seitdem ich Dich gesehen hatte, straff und stolz, wie Du Erde aßest, unter den erschrockenen Blicken deiner Spielgefährtinnen. Aber wenn ich an Dich eine Begrüßung, einen Blick, einen unbedeutenden Satz richten wollte oder wenn ich einfach versuchte, schweigend zu dir zu sprechen, dann zeigtest Du nicht das geringste Interesse mir gegenüber, im Gegenteil, Du drehtest deinen Kopf mit einer Bewegung voller Verachtung um, als fühltest Du Dich von meinem Blicke beleidigt. Trotzdem wartete ich auf jeden Feiertag mit derselben ängstlichen Ungeduld, mit der man nach einem besonders harten Winter die ersten Strahlen der Frühlingssonne erwartet.
Wenn mein Verhalten während der Woche zufriedenstellend gewesen war, durfte ich dafür zum Lohne mit der Töpferlbahn fahren. Ach Irina, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich jenes Geschenk, das jeder meiner Altersgenossen verschmäht hätte, hoch schätzte! Was hätte ich nicht alles gegeben, um ‘für immer’ in der rostigen Kabine bleiben zu können! Das finstere Gewölbe mit seinem penetranten fauligen Geruch, ohne die geringste Öffnung, die die Sonne hätte durchsickern lassen können, war der einzige Ort in der ganzen Stadt, wo die Schönheit nicht hauste. Dort konnten meine müden Sinne erleichtert aufseufzen und der endlich entspannte Geist sich all seiner unnützen Gedanken entleeren. Der Wärter der Festungsbahn, der alte Steinkopf – Du magst ihn vielleicht vergessen haben – war ein rauher Mann, ohne jegliche Zartheit, absolut unfähig, irgendwelche menschlichen Beziehungen zu unterhalten, schlampig, sehr schlampig im Aussehen. Ich erinnere mich an seine riesigen Hände, voll von kleinen schwarzen Schnitten, mit jenen schrecklich krummen Nägeln, naß vom verbrannten Öl der Getriebe, die fettigen Haare, den borstigen Bart, die hohle Nibelungenstimme… Ihr anderen Kinder, ihr wart vor ihm erschrocken und ihr floht vor ihm, wie man üblicherweise vor den Dingen flieht, die man für abstoßend hält. Ich versuchte, mit allen möglichen Listen seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, ihm aufzufallen. Ich wollte, daß er mir gegenüber eine andere Haltung einnahm, daß er mich auserwählte, um sich vor mir zu enthüllen, daß er sein Geheimnis mit mir teilte, jenes Geheimnis, das jeder von uns in sich birgt.
Zum Teil erfüllten sich meine Wünsche, so kam es zum Staunen meiner Begleiter nicht selten vor, daß der Alte mir lange traurige Blicke voll von Verbundenheit schenkte. Übrigens ist Steinkopf die einzige gute Erinnerung an meine Kindheit. Ich frage mich, ob er noch lebt…
Jede Minute, die ich in der Talstation, die einer Hohle ähnelte, wartend verbrachte, dehnte ich in meinem Geist aus und versuchte, sie so lange wie möglich auszukosten, so als sei sie die letzte meines Lebens. Der Wagen stieg in die Finsternis hinauf und drang durch die Eingeweide des Berges. Die Wände - wunderlich bar jeglichen Schmuckes aus Smaragden, Stalaktiten oder anderen geologischen Schätzen - waren ganz im Gegenteil von modrigem Schimmel bedeckt. Die Kabine stieg hinauf und ich erzitterte bei dem Gedanken, daß das Licht früher oder später wieder sichtbar werden würde. Ich versuchte, mir die Blendung des Sonnenlichtes zu vergegenwärtigen, um mich im Voraus auf das Unbehagen des damit verbundenen Gefühles vorzubereiten. Die Wirklichkeit übertraf immer die schlimmsten Erwartungen. Als das leichte durch den Höhlenmund sickernde Sonnenschimmern meine halbgeschlossenen Augen erreichte und die Wärme wieder in die Adern zurückkehrte, sah es plötzlich so aus, als zerstreuten sich die tausend Energien des Körpers und mir fiel sogar das Atmen schwer. Zu schwach war mein junger Geist und zu heftig der unbezwingbare Wille, der sich hinter dem harmlosen Aussehen versteckte.
Auf der Festung glaubte ich, sterben zu müssen. Nachdem ich meine zweite Scheibe Butterbrot wie ein Medikament hinuntergeschluckt hatte, stand ich auf und mit irgendeiner Ausrede begann ich, weg von der Terrasse zu laufen, hinüber auf die Pfade des Mönchsbergs, ohne mich umzusehen, ohne die Düfte der Lindenbäume einzuatmen, ohne der Sanftheit der Eichhörnchen und dem süßen Vogelgesang Aufmerksamkeit zu schenken. Ich lief, schneller als mein Körper es aushalten konnte. Ich lief, bis meine von der Anstrengung abgestumpften Sinne vollkommen unempfänglich geworden waren. Die Gedanken rannen an mir ab, zusammen mit Bächlein von Regen und Schweiß auf meinem Gesicht. Wenn es nicht genug war, kehrte ich zurück zur Galerie, um dort eine Atempause zu machen.
Meine Eltern waren stolz darauf, daß ich so viel von körperlicher Ertüchtigung hielt. Sie waren froh, daß ich, anstatt müßig auf dem von meinen Geschwistern so geliebten Hochstand zu sitzen, wie ein unruhiger Geist im Regen umherlief. Siehst Du, Irina, wie gut ich als Kind darin war, die Erwachsenen zu betrügen! In Wirklichkeit handelte es sich aber um einen Betrug mir selbst gegenüber: tatsächlich war ich davon überzeugt, daß es physische Übung war. Es gibt niemanden, dem es mit solch feinen Kunstgriffen gelingt, uns zu betrügen, als wir selber…
Bestimmt denkst Du jetzt, wenn ich so viel auf mein körperliches ‘Wohlbefinden’ hielt, blieb mir nichts Anderes übrig , als das des Geistes zu vernachlässigen: es ist unmöglich, zwei gegensätzliche Lebensarten in sich zu vereinen. Da irrst Du Dich nicht. Ich haßte Bücher. Ich hatte keines mehr davon geöffnet seit dem Tage, an dem ich eine große Schabe aus einem Exemplar meines geliebten ‘Professor Unrat’ herauskriechen sah. Das Gefühl von Ekel war so heftig gewesen, daß es meine völlige Abscheu gegen Druckpapier im Allgemeinen erregte, welches ich tatsächlich für fähig hielt, spontan solche Unwesen zu gebären…
Was für ein trauriges Abenteuer meine Kindheit war!
Also las ich nur, was von mir in der Schule verlangt wurde. Rein aus Pflicht, nie aus Lust. Und stets mit angemessener Vorsicht!
Im Übrigen fühlte ich, soweit ein Kind sich dessen bewußt sein kann, daß das Lesen eine zu gefährliche Tätigkeit ist . Eo quod in multa sapientia multa sit indignatio; et qui addit scientiam, addit et laborem: dieser Satz, den einst mein Vater benutzt hatte, um meine dürftige Neigung und meinen Widerwillen gegen das Studium meiner ersten Jahre zu entschuldigen, hatte sich bei mir eingeprägt. Deswegen war ich völlig davon überzeugt, daß, hätte ich nur der natürlichen Empfindsamkeit jene künstliche und verleitete der Bücher beigefügt, ich lebendig nicht davonkommen würde .
‘Empfindsamkeit’ so kann ich gerne meine Krankheit benennen, weil sie, liebe Irina, vor allem die übermäßig empfangsbereiten Sinne betrifft. Es ist, daß die Natur mir gegenüber nichts von sich geheimhält, sie verbirgt mir nicht das Werden der Formen, das sich Vermischen der Säfte, das geordnete sich Zusammenfügen der Stoffe, ganz im Gegenteil, sie zeigt mir die allerheimlichsten Zusammenkünfte der unbeseelten Materie, sie beteiligt mich an ihren intimen Vorstellungen und an den Kämpfen, die die einfachen Elemente gegen die höheren Formen, gegen die Schönheit führen. Und in diesem Konflikt stecke ich bis zum Hals, ich spüre ihn in meinem Körper: ich spüre die primären Formen, die aufgewühlt sind, die Säfte, die gegen die Sklaverei rebellieren, die Materie, die von innen her drückt, um die schönen Züge des Gesichtes zu zerstören, die dünne Haut, die Lippen… Aber die Schönheit wird immer, immer triumphieren... Es gibt kein Detail, keine noch so unbedeutende Einzelheit, keinen noch so kleinen Ausschnitt der Realität, den ich nicht als meiner leidenschaftlichsten Betrachtung würdig erachte . Es gibt manchmal Momente, in denen ich mich wie betäubt von den Empfindungen fühle. Die Phänomene entzücken mich allesamt, ununterschieden, und es gibt keinen Pinselstrich dieser Malerei im Fresko des Lebens, den ich nicht als etwas Hehres empfinde. In einer Rose sehe ich das ganze Universum, ich bewundere ihre Anstrengung, aus einem Stachelbusch sich zu entwirren und wenn sie verwelkt, leide ich mit ihr, schreie ich mit ihr, so als ob ihr Verfallen mein eigenes Dasein, meine Haut, meine Nerven miteinbezöge… Es gibt nichts auf dieser Welt, das nicht zu sterben weiß und es ist dieses kontinuierliche Vergehen, aus dem das Wesen der Dinge besteht. Ich fühle mich von diesen ununterbrochen geschehenden Toden wie mitgerissen, sie gehen mich alle etwas an, ausnahmslos . Ich lasse mich von dem verzweifelten Entzücken angesichts ihrer Schönheit zerfleischen, einer Schönheit, die sich erst dann und nur dann zeigt, wenn ihr Ende beginnt. Verstehst Du Irina, wie kann man in einer Welt leben, wo alles die schmerzhafte, wenn auch faszinierende Sprache des Todes spricht? Nur wenn unsere Sinne betäubt genug sind und unsere Sprache in den Kommunikationsschwierigkeiten steckengeblieben ist, gelingt es uns, den Verfall der Schönheit zu überleben, sonst et aures eius aggrava, et oculos eius claude: ne forte videat oculis suis, et auribus suis audiat, et corde suo intelligat…. Im Gegenteil , die extreme Empfindsamkeit, das Verständnis, das Mitleid, Irina überfluteten wie eine Krankheit den Körper des Kindes.
Ich hatte keine Freunde. Die Menschen interessierten mich damals wohl kaum: noch konnte ich nicht in der eckigen und trockenen Harmonie des menschlichen Körpers die Krönung der Schönheit sehen, die mich später entzücken sollte. Die Personen waren abstrakte Wesen, von denen ich nur eine ganz dürftige Kenntnis hatte, eher hielt ich sie für Störfaktoren, langweilige Zufälle, die mein absolut krankhaftes Verlangen nach der Vereinigung mit den Dingen nur behindern konnten.
Ab und zu tauchte in meiner Isolation die strenge Gestalt eines Erwachsenen auf, den ich der Achtung für würdig hielt. Aber schon beim ersten Händedruck verstand ich, daß meine Neugier nicht länger als einen Wimpernschlag gedauert hatte. Die Erwachsenen lügen alle. Es scheint immer so, als wüßten sie alles, was im Kopfe eines Kindes sich abspielt, aber dann verraten sie mit einem dummen Satz oder einem mitleidigen Lächeln ihre grenzenlose Unwissenheit. Leere Rhetorik, Sophismen, das ist alles, was sie von sich geben können. Sie sind Sklaven, ohne es zu bemerken: ich, ich habe mich nie von dem gesunden Menschenverstand ihrer Argumentationen überreden lassen. Ich habe mich nie vom Leben überreden lassen…
Zu meinen Altergenossen oder zu den etwas Älteren hatte ich nie irgendeine Beziehung : die von den tausend Kompromissen und von der Heuchelei der Existenz freien jungen Geister sind nicht dazu imstande, ihren Stumpfsinn auch nur eine Sekunde lang zu verbergen. Ich haßte den heiteren Blick, die sorglose Anpassung an die Dinge, die vergeudete Lebenslust jener jungen Wesen, die zutiefst davon überzeugt waren, daß die Welt, eine friedlich lächelnde von einem barmherzigen und freigiebigen Marionettenspieler geschaffene Welt, gerade für sie da sei: das hat nichts zu tun mit dem Universum des Gottes der Christen…
Ich, Irina, ich war anders. Das Leiden, jenes ständige Wahrnehmen und Unterdrücken des Konfliktes in mir, machte mich anders; eine überentwickelte Empfindlichkeit. Anders? In Wirklichkeit empfand ich mich, auf tragische Art und Weise, aufgrund eines grausamen Scherzes des Schicksals als den anderen Kindern beziehungsweise den meisten Menschen überlegen: Die anderen konnten nicht verstehen, die anderen sahen nicht, sie waren absolut blind. Verstehst Du, Irina, Du kannst über ihre Unwissenheit lachen, du bist der einzige, dem die Dinge vertraut sind, der einzige, der ihre traurige und geheimnisvolle Sprache versteht. Ich hielt mich für einzigartig, rar. Dem Menschengeschlecht fremd. Göttlich. Ich war mir sicher, daß ich bald eine übernatürliche Tat vollbringen würde, durch welche ich mich endlich zu meiner wahren Natur entpuppen sollte, wie beispielsweise zu fliegen, Gegenstände mit der Kraft meiner Gedanken fortzubewegen, mich zu vervielfachen...
Manchmal aber geriet mein Hochmut ins Wanken. Das ist, was geschehen wird: et erit pro suavi odore foetor, et pro zona funiculus, et pro crispanti crine calvitium, et pro fascia pectorali cilicium... Letzten Endes waren jene mir unterlegenen Wesen, in ihrem Stumpfsinn und mit ihrem Schatz an frivolen Zerstreuungen glücklich: ich nicht.
Dann sperrten sich meine Augen plötzlich für wenige Sekunden auf und ich konnte die traurige Wirklichkeit erfassen. All jene, die mich umgaben, gehörten einer Gesellschaft an: Meine Altersgenossen waren miteinander solidarisch. Die Leute um mich herum verband irgendeine Art von Komplizität. Meine Mitschüler hatten alle ihren Lieblingsfreund, den heiligen und unverletzlichen besten Freund, und deshalb fühlten sie sich frei, stark, unzerstörbar. Ich war von alledem ausgeschlossen. Ich hatte keinen, der mich liebte und der mir verbunden war. Alleine konnte ich nichts unternehmen, konnte nirgendwohin gehen... Ich war überlegen. Trotzdem versuchte ich immer wieder, eine Person zu erobern, die mich bevorzugen und mir überall hin folgen würde. Aber sobald ich die Schwelle der oberflächlichen Bekanntschaft überschritt, fühlte ich mich gezwungen, mich sofort wieder hinter meine gelangweilte und verachtende Maske in meine Einsamkeit zurückzuziehen. Um enge Beziehungen zu seinen Mitmenschen aushalten zu können, braucht man Geduld, Bescheidenheit, Demut und Opferbereitschaft, Eigenschaften, die mein Charakter nie gekannt hat.
So geschah es, Irina, daß mir das Schulleben von Tag zu Tag immer unerträglicher wurde. Die Mitschüler fühlten sich zu Recht von meinem Stolz beleidigt und sie zeigten mit dem Finger auf mich: hätte sie nicht der Respekt vor meiner Familie zurückgehalten, sie hätten mir sogar Böses angetan.
Später, was das Studium betraf, gab es unter den Lehrfächern kein einziges, wofür ich auch nur das geringste Interesse hegte. Ich hätte mich lieber einer gesunden und befreienden Unwissenheit erfreut. Hätte ich doch nie lesen und schreiben gelernt! Wer weiß, kann sein, daß die Welt, mit den Augen eines Analphabeten betrachtet, bar der unnützen Kultur viel weniger bedrückend erschiene!
Dann kam das Schachspiel. Die Schachfiguren, Götzen in Miniatur, die zwei Jahrtausende Existenz nicht hatten ausradieren können, sie stürmten in mein Leben herein wie neue Götter. Ach Irina, dieses Spiel, wenn man so die extreme Übung des Geistes so nennen darf, sog all meine Kraft auf .
Der Blick, der daran gewöhnt war, die Geschehnisse der Welt zu beobachten, schränkte sich freiwillig auf einen engen Raum ein, auf jenen Mikrokosmos des Konfliktes, jenes miniaturisierte Schlachtfeld des Schachbrettes.
Je weiter ich in meinem Theoriestudium fortschritt, desto mehr entfaltete sich mein Geist wie eine Blume, die lange Zeit unter dem Eis verborgen gewesen war. Liebe Irina, Du weißt, wie es geschieht, wenn wir von etwas begeistert sind, dann versuchen wir, sofort alles darüber zu erfahren und alles Andere, unsere bisherigen Interessen, die Freundschaften, die Liebe, alles wird sekundär.
Von jenem Zeitpunkt an widmete ich meine ganze Freizeit der Lektüre von Handbüchern und der Übung auf dem Kampffeld mit meinem Vater. Das Ergebnis: Mit dreizehn verfügte ich über ein außergewöhnlich trainiertes Gehirn, welches alle Rechnungsarten beherrschte.
Du kannst dir die Folgen dieser Lage wohl vorstellen, liebe Irina. Jetzt, wo ich meine Intelligenz verdoppelt, verdreifacht, außerordentlich vervielfacht hatte, empfand ich mich als allmächtig. Was zuvor nichts als eine vage Ahnung meiner Überlegenheit gewesen war, fand jetzt einen unwiderlegbaren Rückhalt: die Geistesüberlegenheit.
All das hatte zur Folge, daß ich mich noch endgültiger von den Menschen entfernte. In nur wenigen Monaten wurde ich nahezu unbesiegbar. Wahrscheinlich hat die Rede von meiner Unschlagbarkeit damals auch Dich erreicht, Irina: es gab kein Schachturnier, an dem ich nicht mit Würde teilnehmen konnte. Mein außergewöhnliches Gedächtnis, ein Zahlengedächtnis, erlaubte es mir, mir die allerkompliziertesten Schemata einzuprägen. Meine außerordentliche Konzentrationsfähigkeit machte aus mir einen unbesiegbaren Gegner, weil, wie Du wahrscheinlich weißt, beim Schachspiel der verliert, der aus Zerstreutheit Fehler begeht.
Zu dieser Zeit geschah es, daß ich den ersten und ich würde sagen den einzigen Freund meines Lebens kennenlernte, den einzigen, den mein Hochmut nicht abzulehnen wagte: meinen neuen Lehrer in Französisch: einer unter den vielen Ausländern, die sich nach dem Krieg freiwillig auf österreichischem Boden befanden, ein vortrefflicher Schachspieler.
Du sollst wissen, Irina, daß ich mich während der Pausen in ein dunkles Eckchen zurückzog, um mein Pausenbrot zu mir zu nehmen . Weit weg von allen saß ich schweigsam da, den Blick immer an die Festung geheftet. Und genau in dieser „religiösen“ Haltung war es, als René mich zum ersten mal sah. Er sagte zu mir etwas auf Französisch, das ich gar nicht verstand und lief hastig weg. Aber am folgenden Tage war er wieder da, mit einer großen Puppe aus Marzipan. Die ließ er in meine staunend erhobenen Hände fallen und bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, war er schon auf dem Flur verschwunden.
Seit damals kam er jeden Tag wieder, beziehungsweise machte er es so, daß er mir auf diese eilige und flüchtige Art und Weise erschien; zwar gab er mir zu verstehen, daß er für mich da war, aber gleichzeitig ohne dabei meinen Hochmut zu schüren. Und so ertappte ich mich im Laufe weniger Tage immer öfter dabei, daß ich sehnsüchtig und ängstlich auf die Pausenzeiten wartete, in denen ich einen weiteren Besuch des seltsamen Fremden bekommen würde. Und einmal, als er länger als gewöhnlich auf sich warten ließ, regte sich in mir eine schmerzliche Ader, ein intensives Weh, etwas fast Körperliches… Aber noch bevor diese unbestimmte Regung in den Tränen gerinnen und somit spürbar werden konnte, hatte ich sie schon zurückgedrängt, wie einen unverzeihlichen Moment der Schwäche. Du sollst wissen, Irina, daß ich damals das Unabhängigsein von Gefühlen auf die Fahnen meiner kindlichen Philosophie geschrieben hatte. Man kennt dies auch als „aus der Not eine Tugend machen“.
Letzen Endes konnte ich es mir diesmal leisten, mir selbst gegenüber barmherzig zu sein. René schien mir anders als alle Anderen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt kennengelernt hatte. Es war das erste mal, daß ein Erwachsener sich mir näherte, ohne von mir Namen und Alter wissen zu wollen; es scheint, als ob die Erwachsenen an nichts Anderem als nur daran interessiert seien. Glaubst Du nicht, Irina, daß es schrecklich für ein Kind sein muß, immer mit anderen gleichgeschaltet und gedemütigt zu werden, wie ein Wesen ohne Individualität, indem es zu einem bloßen Namen und zu einer Nummer degradiert wird?
Aus Angst war ich es dann, der René mit den unvermeidlichen Fragen bedrängte. Er antwortete mir genauso, wie ich es mir gedacht hatte: es waren Themen, worüber es sich nicht lohnte, zu diskutieren.
Sobald wir unsere gemeinsamen Interessen entdeckt hatten, hatten unsere ohnehin dürftigen Unterhaltungen das Schachspiel zum einzigen Inhalt. Und das war gut so. Wenn René mit mir nur in einem freundlicheren Ton als sonst sprach oder mich mit einem zärtlichen Blick streifte, konnte ich die Tränen fast nicht zurückhalten. Es war ein Weinen aus bloßer Dankbarkeit. Ich war ihm dankbar, diesem Wesen, das sich spontan für mich zu interessieren schien, ohne Hintergründe, wie keiner es bis zu diesem Zeitpunkt je getan hatte. Ach Irina, Du weißt, in jenem Alter sehnt man sich doch so verzweifelt nach Zärtlichkeit!
Sobald der kurze tägliche Besuch, der immer einem barmherzigen Zugeständnis gleichkam, sich seinem Ende näherte, versuchte ich auf alle möglichen Arten, den Abschied hinauszuzögern. Ich schlug René die allerunglaublichsten Schachstrategien vor. Er hingegen antwortete mit einem Lächeln, blieb noch eine Sekunde stehen und sprach dann die Worte aus, die mir immer so geheimnisvoll und verschlüsselt erschienen: ‚Denk etwas weniger!‘, dann streifte er mit seinen Fingerspitzen mein Gesicht und war im Flur verschwunden, noch bevor ich mich wieder fassen konnte.
Irina, Du kannst dir nicht vorstellen, was seine Liebkosung für mich bedeutete. Genau in jenem Augenblick, in dem jene flüchtige Berührung geschah, begriff ich erst, daß mein Körper mir außer Leid auch Freude bescheren konnte. Ich war Sklave dieser kaum wahrgenommenen Hand. Ich hätte wer weiß was dafür gegeben, um sie noch etwas länger an mich drücken zu können, um ihre Wärme zu spüren, jene wohltuende Lauheit des menschlichen Körpers, die ich bis zu jenem Zeitpunkt so selten gespürt hatte.
Zum Glück bot René meinen Sinnen erst gar keinen Anlaß und vermied es sorgfältig, daß unsere Körper, sei es auch nur durch Zufall, in intimere Berührung gerieten. Das verhinderte zumindest, daß meine Anhänglichkeit krankhaft werden konnte.
Wer war denn dieser seltsame Franzose, der wie eine Erscheinung plötzlich in mein Leben getreten war, der dazu imstande war, mich meiner verzweifelten Einsamkeit zu entreißen, etwas woran sogar die engsten Verwandten gescheitert waren? Ich, Irina, wenn ich Dir sage, daß seine Augen wie auch die Haare von der Farbe des Heus waren und daß sein Aussehen auf einen Ästheten, wie ich es war, eigentlich nicht die geringste Anziehungskraft hätte ausüben sollen… Aber es lag eine Sanftheit in diesem Blick, in der geraden Linie dieser Nase, im Lächeln der zu großen Zähne… Ach, die Sanftheit, ist nicht eigentlich sie das höchste Attribut des Schönen?
René war nicht neugierig. Er drang nie auf jemanden ein, er ließ sich von keinem Ereignis aus der Ruhe bringen, auch nicht vom Allerirritierendsten. Er war immer vernünftig und beherrscht. Es schien, als wohnte ihm jene lichtvolle und beruhigende Ruhe inne, derer die Dinge von Natur aus gewöhnlich entbehren. Es lag etwas Göttliches in seinen Gesten, in seiner Art, die Welt mit Abstand und Distanz zu betrachten. Mir schien, als stelle er sich das Universum, die menschliche Gesellschaft wie ein riesiges Schachbrett vor, auf dem weiße und schwarze Schachfiguren unter seinem Blicke Tag für Tag einander entgegenstanden. Jedes Wort, jede Gebärde, jede Handlung entsprach einem einzigen und unwiderruflichen Zug, der gründlich überlegt und erwogen werden mußte, ehe er vollzogen wurde.
Nichtsdestotrotz sah es bei René so aus, als ob er selbst nicht über seine eigene Zeit verfügen konnte. Er war von dem Gedanken besessen, jede Sekunde seines Lebens mit irgend etwas ausfüllen zu müssen. Er war nicht dazu imstande, sich selbst jene Momente sorgloser Müßigkeit zu gönnen, welche für das Wohlbefinden des Geistes so immens wichtig sind. Wenn ich ihn ärgern wollte, sagte ich ihm, daß er mich an das hastige Kaninchen von Alice im Wunderland erinnere.
Aber glaube nicht, Irina, daß René ein guter Mensch war. Ganz im Gegenteil! Trotz der Zärtlichkeit des Blickes und der Sanftheit der Stimme war er kalt, fremd, fast zynisch; einer jener Menschen, die aus einem guten Grund dazu imstande sind, zu Töten. Die Fähigkeit, konsequent zu sein, jene tugendhafte Fähigkeit, ohne die man sich dem Elend nicht entziehen kann, fehlte ihm zwar nicht völlig, sie entstammte jedoch eher ungeebneten Gegensätzen und ungelösten Paradoxien, als einer folgerichtigen Moral. Vielleicht aber waren es gerade diese seltenen Eigenschaften, die ihn mir lieb machten. Die guten Menschen, die einfach guten, die „Armen im Geiste“ aus der Bibel, liebe Freundin, haben in mir immer nur ein ekeliges Völlegefühl hervorgerufen. Um so weniger habe ich mir deshalb auch je darum Sorgen gemacht, daß die Bosheit meiner Lieblinge sich auch irgendwann einmal gegen mich richten könne…
Und so hatte ich es diesem seltsamen Individuum zu verdanken, daß die Schule für mich vom Gefängnis zum Zaubergarten wurde. Und wenn ein leichtes Fieber oder irgendeine Erkältung es mir ermöglicht hätten, zu Hause zu bleiben, bestand ich darauf, hinaus zu dürfen. Ich wurde in kurzer Zeit vom lustlosen und apathischen Schüler, der ich gewesen war, zu etwas, das man einen eifrigen Studenten nennt, in gleichem Maße gut bei den Professoren angesehen, wie den Mitschülern verhaßt. Und schon plante meine Mutter, bereit, den Groll gegen mich hinunterzuschlucken, angesichts der wunderlichen Geschwindigkeit, mit der ich mathematische Probleme zu lösen vermochte, meinen Erfolg für mich, eine Zukunft als Ingenieur oder Physiker.
Es schien so, als ginge es mir endlich gut, jetzt wo ich von meinen Problemen eine Ablenkung gefunden hatte, die stark genug war.
In Wirklichkeit, liebe Irina, war dies jedoch nur eine Art kurzer Windstille, die um so gefährlicher war, als ich, auf die Ruhe des Meeres vertrauend, mich dazu entschlossen hatte, die Segel zu hissen.
Tatsächlich hatte ich in der Welt des Schachspiels einen Zufluchtsort gefunden. Die Freude am bloßen Denken, der Genuß, den man verspürt, indem man die fast übermenschliche Wirksamkeit des in Handlung übersetzten Gedankenganges sieht, der berauschende Geschmack des Sieges und all die anderen kaum beschreibbaren Empfindungen, die dieses Spiel in mir auszulösen vermochte, erfüllten mich mit einem ungewöhnlichen Gefühl der Befriedigung. Und René war stolz auf mich, der ich der einzige unter seinen Gegnern war, der keine Konzentrationsfehler beging.
Das Schachspiel hatte mich zuletzt jenem, der inzwischen zu meiner großen Überraschung auch mein Lehrer in Französisch geworden war, freundschaftlich näher gebracht. Die Zeit der hastigen Besuche und der Puppen aus Marzipan war vorbei: jetzt bestand zwischen René und mir eine intensive und bewußte Verbundenheit.
In der Klasse behandelte er mich nicht anders als irgendeinen der anderen Mitschüler, aber ab und zu machte er mich mit einem von Sanftheit erfüllten Blick unserer heimlichen Komplizität sicher. Was mich betrifft, ich schrieb ihm Briefe und machte ihm Geschenke, ich verbrachte meine ganze Zeit damit, daran zu denken, wie ich ihm gefällig sein konnte.
Mein Gott, Irina, mit welcher Nostalgie ich mich jener Momente intensivster Glückseligkeit erinnere, die nur die Gutgläubigkeit einer noch nicht von den Gefühlen verdorbenen Kindheit ermöglichen konnte.
Nunmehr trafen wir uns jeden Tag mehr oder weniger zufällig im Flur, in der Klasse, vor der Mensa, und René hatte die Gewohnheit angenommen, sich seiner Eile zum Trotz stundenlang in meiner Gesellschaft aufzuhalten. Wir unterhielten uns über die anderen Schüler und deren Unfähigkeit, über den ungebildeten Kollegen, über Politik, über Musik. Mein Freund war wirklich eine Lästerzunge und ich freute mich darüber, daß er mich auserkoren hatte, um seine böswillige Schwäche zu enthüllen. So geschah es, daß ich die Tratscherei lieben lernte, etwas, was ich bis damals mit etwas Verachtung für ein ausschließlich weibliches Vergnügen gehalten hatte. Und so verweilten wir zusammen beim Austauschen der allerungerechtesten und kleinlichsten Gedanken und Urteile, die bereits an schlechten Geschmack grenzten, bis René, indem er zerstreut zur Wanduhr hinblickte, bemerkte, daß es schrecklich spät war und sich mit einer Gebärde voll von Eitelkeit verabschiedete. Wie oft derselbe Refrain: ‚Mon dieu, c‘est trop tard, il faut que j‘aille‘. Aber von jenen abrupten Trennungen ließ ich mich kaum betrüben, da ich so sicher war, ihn den folgenden Tag wiederzusehen, und den Tag drauf und jeden künftigen Tag meines Lebens.
Diese Gewißheit zerstreute alle meine Zweifel an den guten Absichten seiner etwas schlüpfrigen Haltung. Ja, weil ich von Anfang an den Eindruck hatte, daß René mir nicht seine ganze Freundschaft gönnen wollte, als ob ihm viel daran läge, einen gewissen Abstand zwischen sich selbst und mir zu bewahren. Jedenfalls fiel es mir nicht schwer, diese Tatsache zu akzeptieren: für mich, Irina, der ich gewöhnlich von den Anderen überhaupt nichts hatte, war das, was er mir mit solch aufrichtiger Spontaneität anbot, mehr als genug.
Nach und nach gewöhnte ich mich an jenes gemäßigte und anspruchslose Glück, das René und das Schachspiel mir geschenkt hatten. Ich fühlte mich so leicht, als hätte das geschmolzene Blei meiner Seele sich durch Zauberei plötzlich in flüchtigen Stoff verwandelt . Ich ging nicht mehr ins Schwimmbad. Ich vergaß die Schönheit und Salzburg. Nunmehr konnte ich an der hohen Festung vorbei gehen, ohne sie zu bemerken. Ich mußte weder in der Kabine der Drahtseilbahn Zuflucht suchen, noch im Regen umherlaufen. Jetzt spürte ich kaum noch den Körper und sein angeborenes Leiden… Die Zukunftspläne entfalteten sich vor meinem Auge in Gestalt einer Vielfalt von Möglichkeiten und ich kostete bereits von dem angenehmen Gefühl, wie die Anderen zu sein, dieselben Freuden genießen zu können, an ihren Zerstreuungen teilhaben, in ihre Welt hereinkommen zu dürfen…
Aber bald verfinsterte sich jenes Glück bzw. jene momentane Ablenkung von dem Leiden, die nur der unerfahrene Mund eines Jungen als Glück bezeichnen konnte. Wärst du der Welt, würde dich die Welt lieben, würde sie nun lieben, was ihr gehört: nun, weil du nicht der Welt bist und davon weggelaufen bist, haßt dich die Welt.
Eines Tages hielt René ein seltsames Gespräch mit mir. Er verhielt sich, als habe er es an jenem Morgen gar nicht eilig . Mit einem lächelnden Gesicht, wie ich es an ihm gar nicht kannte, sagte er mir, daß er müde sei. Er würde sich gern hingeben, er möchte mit dem Wind hinweggefegt werden, zwischen den mit Schnee beladenen Wolken verschwinden, sich wie ein kosmischer Nebel zerstreuen. Sterben. Er habe alles gesehen. Alles erlebt. Das Leben mit seinen vielfältigen Phänomenen habe seinem saturierten Willen nichts mehr anzubieten, außer der Langeweile. Und er wolle nichts davon wissen, sich zu langweilen. Trotz seines relativ jungen Alters sagte mir René, er habe zu lange gelebt. Der Tod zaudere. Die Natur scheine einen Schätzungsfehler zu begehen: Sie hätte schon seit Langem jenes alte, erschöpfte, verfaulte Leben zurücknehmen sollen… Er sei müde. Er sei des Lebens müde, wie man eines verbrauchten Anzuges müde sein kann: quod si sal evanuerit, in quo salietur? ad nihilum valet ultra, nisi ut mittatur foras, et conculcetur ab hominibus.
Wie Du dir vorstellen kannst, Irina, konnte ich kaum glauben, was meine Ohren vernahmen. Er, der in seiner unermüdlichen Vielbeschäftigtheit der Spiegel der Vitalität war, er, der mich von meinen Vernichtungsgedanken abgelenkt hatte, er, der das Leben fröhlich zu leben schien, gerade er sagte mir, daß er sterben wolle? Das Getöse der Gefühle ließ mich allmählich aus einem Schlaf voll von Träumen erwachen. Dann war seine, nichts als eine gut ausgedachte Vorstellung und der, der mich in die Illusion eingetaucht hatte, nichts als ein schlauer und den Betrug gewohnter Schauspieler. Das Lächeln der weißen Zähne: eine Maske. Das makellose Gesicht: reine Vortäuschung. Nichts Anderes als Lüge!
Ich war nicht dazu imstande, zu reagieren. Sein unsagbar trauriger Blick und die abgefundene Sanftheit der Worte gingen durch meine Kehle hinunter wie Eisstücke.
Plötzlich durchlief ein kaltes Zittern meinen Körper durch und gerann in einem einzigen Gedanken: Wir würden zusammen sterben. Doch zu welchem Zweck? Sofort wurde ich wieder meiner Herr und machte mich in meinem Gedächtnis auf die Suche nach einer soliden Argumentation, einem guten Grund, irgendeinem Vorwand, der ihn von seinen wahnsinnigen Absichten hätte abbringen können und der ihn mir bewahren konnte, bis sein natürliches Schicksal seinen Lauf zum Ende nahm. Mein Gott, Irina, wie konnte gerade ich diese logische Spitzfindigkeit finden wollen, ich, der von Anfang an nichts Anderes um mich herum gesehen hatte als den Tod , mich über seine Schönheiten gefreut hatte, wie man sich eines Kunstwerkes erfreut? Zudem konnte ich damals nichts als die Wahrheit sagen: Lügen, sei es auch zu einem guten Zweck, war für mich zu der Zeit etwas Unvorstellbares.
Über meine eigenen Wörter stolpernd, sagte ich etwas Wirres. Ich mußte mit allen meinen Kräften versuchen, glaubhaft zu wirken: Letzen Endes könne ihm das Leben noch Überraschungen bereiten, es gebe das Vergnügen, den Genuß, jenes Etwas, das ich nur vom Hören kannte, aber von dem ich wußte, es sei der beste Gegner gegen die Langweile, es gab mich, und damit glaube ich, meinte ich, mich ihm sinnlich anzubieten… Dann fiel das Schweigen wie ein Eisschwert auf meine Lippen.
René lachte, fast erweicht von meinen Worten, und schwor mir, sich mit mir zu beraten , bevor er endgültig sterben wolle.
Du kannst Dir vorstellen, Irina, in welchen Geisteszustand mich unser Gespräch brachte. Die folgende Nacht gab ich mir Mühe, nicht einzuschlafen. Vielleicht war ich nicht überzeugend genug gewesen. Den Tag darauf würde ich unbedingt die Frage wieder erwähnen und solidere Thesen vorweisen müssen… wenn es nur nicht zu spät war… Ich erschrak bei dem Gedanken daß, während ich gemütlich im Bett lag, er … Unsinn!… Seine Worte ertönten in meinem Kopf wie Trauerglocken. Ich hätte ihn erreichen wollen…
Als ich aus dem leichten Schlaf, der mich am Gipfel der Nacht all meinen Anstrengungen zum Trotz ergriffen hatte, wieder erwachte, wußte ich sofort, ein starkes Gefühl sagte es mir, daß das Unvermeidliche bereits geschehen war. Mir blieb nichts übrig, als mich dessen mithilfe der Vernunft zu vergewissern, bevor ich mich völlig dem Leid hingab.
René war zufällig angefahren worden. Als der Vertretungslehrer uns die Nachricht mit Gleichgültigkeit mitteilte, als handelte es sich um etwas völlig Unbedeutendes, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Weinend rannte ich aus der Klasse weg, dann, ohne mich um die Folgen zu kümmern, überschritt ich die Schwelle der Schule und lief zum Krankenhaus. Ich fand ihn lachend wie immer, aber sein Gesicht war von Narben übersät und sein Hals war eingegipst. Er habe mich schon erwartet . Er versicherte mir, es sei nichts als ein banaler Unfall gewesen, er habe sich nicht das Leben nehmen wollen, im Gegenteil, er sei sehr froh, immer noch auf dieser Welt zu sein. Er hätte mich nie verraten... Er versuchte, überzeugend zu sein, er wollte um jeden Preis, daß ich ihm glaubte. Ich konnte vor Aufregung nicht sprechen, ich hätte ihn umarmen wollen, ihm sagen, daß ich mich von jetzt an für immer um ihn kümmern würde, daß ich ihn lieb habe , grenzenlos lieb, daß ich auf ihn niemals hätte verzichten können… Ich schüttelte den Kopf und wischte die Tränen ab, die es mir nicht gelungen war, zu halten, aber sofort stieg wieder ein Schluchzen meinen Hals hinauf, dann ein anderes und noch eines, bis sich das würgende Röcheln in ein haltloses Weinen verwandelte: Ich glaubte ihm nicht. In der Tiefe meines Herzens wußte ich, daß es ein Versuch gewesen war, sich dem Tod hinzugeben. René hatte mich verraten. Liebe Irina, wer den Tod sucht, der kann auch den Zufall nach seinem Willen bestimmen. Der Wunsch nach dem Tod ist dazu imstande, alle Umfälle der Welt anzuziehen. Es lebt nur, wer leben will!
Nach dieser Episode, die mich ihm so genähert hatte – dem Tod gelingt es, eine Intimität zu schaffen, die sonst unter Menschen undenkbar ist – richtete es René paradoxerweise so ein, daß unsere Freundschaft zerbrach. Immer noch, Irina, kann ich den Grund für solchen Zynismus kaum begreifen. Ich verstehe nicht, warum er plötzlich das Bedürfnis verspürte, sich von mir zu entfernen, noch dazu auf eine solch überhastete und endgültige Weise.
Du sollst wissen, Irina, daß René und ich nach Schulschluß immer einen Teil des Weges miteinander zurücklegten und nicht selten hielten wir dabei am Café. Nun, nach dem Unfall verweigerte mir René jenen Moment an Intimität, auf den ich jeden Tag mit Ungeduld gewartet hatte, der mir die Unterrichtsstunden erträglich gemacht hatte. Er sagte, er habe infolge einer plötzlichen Änderung des Stundenplanes ab nun keine Gelegenheit mehr, seinen besten Freund, den Schachlehrer, zu treffen, und die einzige Möglichkeit, mit ihm etwas Zeit zu verbringen, sei jene, ihn nach Hause zu begleiten. Ohne Euphemismen ließ er mich begreifen, daß Gernot ihm nun wichtiger war als ich. Wenn ich geglaubt hatte, ich sei sein Lieblingswesen, besäße einen Teil seiner Seele, da ich mit ihm das Mysterium des Lebens und des Todes erforscht hatte, so irrte ich mich.
Ich brauche nicht zu sagen, daß ich mich verraten, gekränkt, ungerecht zur Seite gelegt fühlte. Ich hätte jedoch sogar diese riesige Entbehrung angenommen, wenn seine Bosheit, ja, weil es nichts als Bosheit war, an diesem Punkt Halt gemacht hätte. Er jedoch hörte auch auf, mich zu grüßen und sogar, mir in die Augen zu schauen. Die seltenen Male, daß er mir ein Wort bzw. ein kaum vernehmbares Seufzen gönnte, war es, um einen zynischen Spruch von sich zu geben, zu dem einzigen Zweck ausgesprochen, mich zu verletzen.
Dennoch suchte ich weiterhin seine Nähe, und gab mir Mühe, zu glauben, es handle sich nur um ein Mißverständnis und daß früher oder später wieder alles wie in der Vergangenheit werden würde. Aber René fing auch an, die Orte zu meiden, an denen eine zufällige Begegnung möglich gewesen wäre. Ich irrte weiter im Gefängnis der Schule umher, in der Hoffnung, ihn plötzlich vor einer geschlossenen Tür oder an einem Treppenabsatz auftauchen zu sehen.
Alles umsonst. Von nun an verweigerte er sich mir. Es schien, als wolle er mich quälen. Und ich, Irina, Du kannst dir meinen Geisteszustand vorstellen, ich fragte mich immer wieder, was ich getan hatte, um eine derartige Veränderung in ihm auszulösen, wo ich falsch gehandelt hatte…
Schließlich gab ich auf, aber es handelte sich um ein unsagbar schmerzhaftes Aufgeben, eines, das ich wirklich sehr teuer bezahlte.
Nein, meine liebe Freundin, ich erzähle Dir so etwas keineswegs, um in Dir ein Mitleidsgefühl mir gegenüber zu erregen. Im Gegenteil. Es geschieht aus einem Verlangen nach Aufrichtigkeit: Ich will Dir zeigen, wie meine Seele zu Marmor wurde und wie, auf welchen gewundenen Wegen Neikos mit seinen zerstreuenden Kräften über all meine guten Absichten triumphiert hat.
So hatte ich also meinen ‚Freund‘ verloren. Die Illusion, die ich mir mit solcher Mühe aufgebaut hatte, erlag dem ersten Windstoß. Ich hegte keinen Groll ihm gegenüber. Ich war zu schwach, um jemand anderem die Schuld an meinem Unglück geben zu können, zu ungerecht war ich mir selbst gegenüber, um nicht die ganze Verantwortung für das, was geschehen war, auf mich zu nehmen. Letzen Endes hatte ich bekommen, was ich verdient hatte, es war die gerechte Strafe dafür, daß ich mich den Gefühlen hingegeben hatte. Denn, Irina, das Glück existiert nicht und die Liebe, ist, nicht anders als die Freundschaft, reine Utopie. Nur ein Schwachsinniger konnte sich solchen Schwächen hingeben.
Hoch und heilig schwor ich mir, mich nimmer mehr täuschen zu lassen: Die Sehnsucht nach René würde der erste und einzige mir von einem anderen menschlichen Wesen verursachte Schmerz bleiben.
Man sagt, das Leiden helfe einem, zu wachsen und stärke den Geist. Aber wieviel mich dieses Wachsen kostete! Und ich fühlte mich um nichts größer!
Ich, verraten, betrogen, verletzlich geworden durch ein zufälliges Nachgeben... es war, als würden sich die mit Gewalt aufgerissenen Tore der Welt hinter meinen Schultern mit riesigem Getöse wieder versperren. Ohne daß ich es bemerkt hatte, war ich nun wieder mutterseelenallein, ich war wieder, was ich immer gewesen war: eine Asymptote für die Kurve des Leben.
Die Schule wurde mir wieder verhaßt, es gab keinen guten Grund, sie zu besuchen. Die Mitschüler waren wieder nichts als Feinde. Die Festung begann wieder wie früher, meinen Blick anzuziehen und die Dinge entfalteten sich wieder vor meinen Augen in dem chaotischen Wirbel ihrer Mischungen. Die Schönheit warf mir wieder den Fehdehandschuh Aber diesmal war ich zu schwach, um den Kampf aufnehmen zu können. Aufzugeben war die einzig mögliche Aussicht.
Ich hörte auf, mich zu ernähren, ich hörte auf, zu denken, ich hörte auf, zu handeln und im Laufe von wenigen Wochen nahm mein Aussehen die Züge des schlimmsten organischen Verfalls an: fahle Haut, schwarze Ränder unter den Augen, ausdrucksloser glanzloser Blick…
Wahrscheinlich wirst Du dies seltsam finden, aber es war gerade Deine Mutter, die meine Eltern davon überzeugte, mich von einem Arzt untersuchen zu lassen. Sie, die mich aus irgendeinem geheimnisvollen Grund immer noch mit Sympathie betrachtete, hatte als erste mein Unwohlsein bemerkt. Die Erinnerung, die ich bis heute von ihr bewahre, zeigt sie mir mit schon ein wenig vom Alter verhärteten Zügen, strenger Mund, nur der Blick immer noch voll von einem Lächeln, einem Lächeln, das schon bei einer Kleinigkeit zu einem vollen Lachen werden konnte. Sie war so frisch, es schien, als ob bei ihr weder Kummer noch Enttäuschungen den extremen Genuß, den die Seele ganz natürlich aus dem Leben schöpft, mindern konnten. Ich spürte die Faszination jener Frau, alles um sie herum schien sorglos zu lachen, als könnten die Dinge in ihrer Anwesenheit nicht den Mut fassen, sich gegen sie zu erheben. Sie schenkte mir ein Kaleidoskop, ein kleines Spielzeug aus afrikanischem Elfenbein, das bald zu meiner einzigen Zerstreuung wurde. Ich verbrachte Stunde und Stunde damit, die unvorhersehbaren wunderschönen Umstellungen der kleinen Aquamarine zu betrachten, die mich so sehr an die Augen jener Fee erinnerten. Vielleicht verdanke ich ihr mein Leben, ihrem Lächeln, ihren Liebkosungen, die sie mir ab und zu bei ihren sonntäglichen Besuchen schenkte. Ich jedenfalls war sicherlich nicht dazu imstande, ihr zu danken, im Gegenteil , ich erwies mich sogar als ziemlich undankbar ihr gegenüber... Schon damals war ich meiner unerwünschten Gesundheit überdrüssig. In jenem Weltall, das ständig versuchte, mich in seine Kämpfe zu verwickeln, unter dem Zauber der siegenden Elemente, im Herzen des Wirbels der Materie, in jedem Universum wollte ich gar nicht verweilen, ich hatte nicht die Kraft dazu: wer mich zurückhielt, der war ein Feind.
Es war schließlich so, daß ich mich auch der wohltuenden Anwesenheit Deiner Mutter entzog und in der engen Welt des Schachspiels Zuflucht fand wie einer Isolierzelle, außerhalb jeglicher Realität.
Ach Irina, ich kann Dir versichern, nichts ist schlimmer als ein Schachrausch!
In jener Phase meiner Existenz, galten die seltenen Male, die ich mich dazu herabließ den Mund aufzumachen, der Diskussion von Eröffnungen, Gambit und Rochade . Ich war so daran gewöhnt, die Züge des Gegners vorauszusehen und am schnellsten die Angriffsmöglichkeiten zu kalkulieren, daß meine Gedanken allmählich ihre natürliche Folgerichtigkeit verloren und ich mich nach und nach immer seltsamer ausdrückte, indem ich mehrere logisch unentbehrliche Denkstufen übersprang. Weder waren die Leute dazu imstande, zu verstehen, was ich sagte, noch kümmerte ich mich darum. Es war damals, daß ich die gefährliche Gewohnheit annahm, gegen mich selbst zu spielen und wie Du sicherlich weißt, ist die beste Weise, sich selbst zum Wahnsinn zu bringen, daß man seinen Geist entzwei spaltet. Nichts, nichts mehr interessierte mich, außer das Schachspiel. Die Leute hatten an meinen Augen all ihre menschlichen Merkmale verloren, sie waren nichts als einander entgegenstehende Figuren. Ich konnte zwei Menschen nebeneinander nicht anschauen, ohne dabei daran zu denken , wie sie sich hätten ‚schlagen‘ können. All meine Bekannten gehörten einer Farbe an. Die Dinge, die waren schwarz oder weiß, selbst die Gedanken waren es
Bald hörte ich auf, zu sprechen: irgendwie konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie man die Laute artikuliert. Wie gesagt, vernachlässigte ich auch immer mehr das Essen: meine Ernährung bestand aus kleinen Mengen an Trockenobst und Schokolade. Eine seltsame Art vorübergehender Lähmung ergriff mich, sodaß ich mich oft vom Sessel vor dem Schachbrett nicht ohne Hilfe erheben konnte. Doch als ob es nicht damit noch nicht genug sei, blieben die Schachfiguren beim Abschied wie an meinen Händen kleben, mit einem Druck, der einer Totenstarre ähnelte und keine konnte sie mir entreißen…
Als sie endlich begreifen konnten, welche die Herkunft meiner schweren Neurose war, wollten mir meine Eltern das Schachspiel verbieten. Ach, wie können unsere Tutoren manchmal ahnungslos und naiv sein! Sie glaubten, mich heilen zu können, indem sie mir einfach ein Verbot auferlegten… Nicht der Genuß des Ungehorsams, der Reiz des Verbotenen – damals kannte ich nicht den Genuß des Verbotenes-, zwang mir zur Transgression sondern der Ernst meiner Krankheit. Ja, liebe Irina, nunmehr war ich an den Punkt gekommen, an dem nicht ich das Schachspiel beherrschte, sondern umgekehrt, das Schachspiel unanfechtbarabsoluter Herr meines Wesens geworden war.
Irgendein unfähiger Arzt riet meinem Vater, zu Hause alle Schachbrettter verschwinden zu lassen. Pfui, nicht Nutzloseres konnte er ihm raten! Die brauchte ich doch schon lange nicht mehr! Das Diagramm war nunmehr vollkommen in mich eingeprägt, ich konnte mir die Figuren ohne die geringste Anstrengung vorstellen. Im Übrigen gab es immer irgendeinen skrupellosen Spieler, der dazu bereit war, mein Laster neu anzufachen, ohne das Wissen meiner Eltern. Nie entzog ich mich und, so wie, wie es wohlbekannt ist , niemand vom Alkoholismus geheilt werden kann, der sich auch nur die geringste Menge an Alkohol gönnt, so hätte ich nie vom Schachspiel geheilt werden können, ohne das Spielen zu lassen.
Auf diese Art und Weise ging es monatelang weiter, bis eine schwere Grippe mich von den verwickelten Strategien des Schachbretts abbrachte.
Ich hatte sehr hohes Fieber, ich delirierte, man machte sich Sorgen um mein Leben. An diese Tage, Irina, habe ich nur eine äußerst vage Erinnerung. Ich fühlte mich unendlich schwach und die Bilder der Wirklichkeit tauchten vor meinen vernebelten Augen in seltsamer Art auf, indem mir Lebewesen und Gegenstände ohne Dichte, schwebend zwischen Sein und Nichtsein, wie Schatten erschienen. Wie es immer bei ernsten Krankheiten geschieht, war ich absolut unfähig, die Grenzlinie zwischen Traum und Realität zu ziehen: ich konnte die Entwürfe meines kranken Unbewußten von den echten Wahrnehmungen der Sinne nicht unterscheiden… Das Einzige, woran ich mich mit Sicherheit erinnere, ist ein ständiges hin und her von Militär um mein Sterbebett herum und eine undurchdringliche Stille. Ja, ich sah die Farben, die gewaltsam aufbrachen, ich sah das Licht, das von den Gegenständen wegschnellte und bunte Schatten, die über meinem Kopf schwebten, und dies alles geschah in der allergrößten Ruhe. Während des Deliriums fühlte ich meine Fingerspitze brennen und wenn ich meinen Blick drauf richtete, sah sie sich in einem blaßblauen Feuer entzünden. Ein unerträglicher Schmerz zwang mich dazu, ständig zu schreien: wäre ich nicht durch solide Riemen ans Bett gefesselt gewesen, niemand hätte verhindern können, daß ich mir die Hände wegbiß. Als wäre das alles nicht genug gewesen, hatte ich den Eindruck, daß jemand mit einem Stock auf meinen Brustkorb einschlug: ich spürte das Holz, wie es mein Fleisch durchdrang. Traurige Glockenschläge, schmerzhafter als die Schläge selbst, ertönten in meinem ganzen Körper. Wie ein Foltertisch erschien mir mein Sterbbett, wo ich meine Unfähigkeit abzubüßen hatte , wo ich für meine Niederlagen auf dem grenzenlosen Schachbrett des Universums ein für allemal bezahlen mußte.
Nach mehr als einem Monat ununterbrochen Leidens trat plötzlich unerwartet die Genesung ein. Wunderlicherweise verschwand mitsamt der Krankheit auch meine Obsession. Als ich wieder bei Bewußtsein war, bemerkte ich, daß die bloße Vorstellung eines Diagramms ein starkes Unwohlsein in mir auslöste. Die Schachfiguren hatten sich zurückgezogen. Ich hatte überhaupt keine Lust mehr auf das Spiel, das war Tatsache.
Es fiel meinen ehemaligen Gegnern schwer, sich damit abzufinden, daß sie mich nun endgültig verloren hatten, aber, wie es in diesen Fällen oft geschieht, hatten alle mich und mein Talent in weniger als einem Jahr völlig vergessen.
So fing die Zeit für mich an, wieder in ihrem natürlichen Bett zu fließen: es war nicht mehr der von den Zwischenzeiten zwischen zwei Zügen, , einem Spiel und dem nächsten skandierte Zeitlauf. Die Zeit, die ich mithilfe des Schachbrettes so gut hatte zähmen können, war wieder dasselbe wilde Tier von früher geworden und jetzt schwebte sie in vollem Drohen wie ein scharfes Schwert über meinem Hals in: die Zeit des Phänomens, die Zeit der Existenz, die Zeit des Fließens, des Todes. Und die Rückeroberung der Naturuhr gab mich ganz meiner Trostlosigkeit zurück: ohne das Schachspiel, ohne seine freundliche Fürsprache, befand ich mich wieder Auge in Auge mit der Festung, mit der Stadt, mit der Krankheit der Empfindsamkeit, mit der Unendlichkeit.
Meine Nerven, von meinem kürzlich überstandenen Abenteuer geschwächt, verursachten mir depressive Krisen und plötzliche Weinkrämpfe, die weitaus ernster waren, als die meiner Kindheit. Es gab Momente, in denen ich mich besonders empfindlich fühlte und mir alles wie von einem anderen Licht beleuchtet erschien, als sähe ich es nicht mit meinen eigenen Augen. Gegenstände, denen ich nie auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte, traten plötzlich vor mir auf, seltsam faszinierend und von dunklen geheimnisvollen Bedeutungen schwanger . Die Dinge sprachen mich an in einer Schmerzsprache, die mich auf die Knie zwang und ich vermochte nicht zu antworten. Die vom Morgentau benetzten Blumen schrieen mir etwas Unverständliches ins Ohr: ich starrte sie an, verblüfft, machtlos, während ihre erschöpfende Schönheit mit dem unhaltbaren Wirbel der Zeit hinwegrann Der Spatz, der mich von der Höhe der Dachrinne herab anschaute, schien mir mit seinem züngelndem Schnabel jederzeit ein furchtbares Geheimnis anvertrauen zu wollen, und die Eidechse mit ihrem sanften Blick… Aber dann schwiegen sie und ihr bezauberndes Schweigen ertönte in meinen Ohren wie ein Schrei.
Ich weinte und fiel in Ohnmacht, sobald ich meinen Augenlidern erlaubte, sich zu heben. Ein immer unwiderstehlicheres Verlangen nach dem Tod bemächtigte sich endgültig meines Geistes. Der Schmerz überschritt die höchste Grenze. Mein Widerstand wurde immer schwächer. Ich fürchtete mich vor den spitzen Gegenständen und vor der Höhe, ich fürchtete, daß mir die Versuchung fatal sein könne. Eine unbestimmte Stumpfheit hielt meine Gedanken besetzt und die Aussicht auf den Tod an der Pforte hinderte mich daran, die Tätigkeiten zu unternehmen, die mich hätten ablenken können.
Ach Irina, wie süß und wünschenswert mir der Tod damals erschien. Wenn Du nur wüßtest, mit welchem Verachten ich meine Unfähigkeit betrachtete, ihn mir selbst zu geben . Mein Leben erschien mir so sinnlos… Im Übrigen war ich ohnedies weit von der Überzeugung entfernt, daß meine Existenz, die Existenz im Allgemeinen etwas Legitimes sei… Zum ersten Mal entdeckte ich in mir eine Art echter Empörung angesichts der elenden menschlichen Lage . Aber ich war zu faul, um jenen authentischen Instinkt, der bestimmt aus mir ein Künstler gemacht hätte, zur Rebellion zu führen. Und dann, was bedeutete „menschliche Lage“? Ich hatte viel eher den Eindruck, daß nur meine Lage es war, die elend sei: unfähig zu sterben, aber auch, zu leben! Letzen Endes fühlte ich mich für das ganze Universum verantwortlich: ich war davon überzeugt, daß, wenn ich nur meine Augen aufgeschlagen hätte, das ganze teuflische Theater der Phänomene, der Eitelkeit mit mir verschwunden wäre und die Ruhe endlich triumphiert hätte. Ich war davon überzeugt, daß ich nicht nur für mein Wohl, sondern für das der ganzen Welt sterben müsse. Ohne ein Auge, das sie betrachtet, hören die Dinge auf, zu existieren, sie sind sofort von der Sklaverei befreit, die sie an diese eitle Wirklichkeit fesselt. Die Unbeweglichkeit, Irina, nicht ist erstrebenswerter, als das Aufhören der Bewegung: , Die Wurzel allen Übels, sie liegt in der Bewegung, im unermüdlichen Anlauf, im ständigen sich Winden, eitel wie jede Handlung!
Und dann versuchte ich, das Atmen aufzugeben. Ich blieb minutenlang unbeweglich, bis mein Gesicht rot wurde und ich einer Ohnmacht nahe war. Aber dann, genau, als ich endlich begann, mich hinzugeben, erkämpfte sich die lange komprimierte Luft doch einen engen Weg durch die Lippen und ließ neue Luft hinein in die Lungen. Nutzlos war es, die Offensichtlichkeit zu verleugnen. Ich begehrte den Tod nicht genug, als daß ich den tierischen Instinkt daran hindern konnte, die Bedürfnisse des allmächtigen Lebenswillens zu befriedigen. Ich war noch nicht dazu imstande, mich für eine der zwei gegenteilige Möglichkeiten zu entscheiden: entweder diesen Willen durch die Suche nach dem Genuß zu verherrlichen, oder ihn durch den Verzicht abzuleugnen: ich verweilte in jenem schrecklichen Zustand von Nichtleben oder teilweiser Existenz, in der die einzig mögliche Aussicht ein blitzschneller Tod zu sein scheint…